Kurssteigerungsraten jenseits der 50 Prozent in einer Börsensitzung sind an der Tagesordnung
Am Neuen Markt ist wieder der schnelle Euro zu machen

Kurssteigerungsraten jenseits der 50 Prozent in einer Börsensitzung sind an der Tagesordnung.

FRANKFURT/M. Während dem Image des Neuen Markt noch der Makel des Kursdebakels anhängt, waren mit vielen Werten in den vergangen Tagen bereits Fabelrenditen zu erzielen. Während treue Anleger an der Technologiebörse noch ihre Wunden lecken, konnten Neueinsteiger ihr Kapital innerhalb der vergangenen Wochen oder Tagen bereits verdoppeln und verdreifachen. Die Worte von Branchenexperten, dass der Markt durch die Erfahrungen der Baisse erwachsener geworden sei, scheinen Makulatur zu sein. Es wird munter spekuliert.

So werden Kurse wie die des Pleitekandidaten Letsbuyit beim kleinsten Hoffnungsschimmer innerhalb weniger Stunden auf das doppelte Kursniveau getrieben, brechen jedoch genauso schnell wieder ein. Bei diesen Pennystocks sind solche Spekulationen jedoch nichts ungewöhnliches, den Anlegern dürfte das Risiko bewusst sein. So verlor das Papier von Musicmusicmusic in der ersten Januarhälfte fast 50 % an Wert auf 0,85 Euro, um dann innerhalb einiger Tage den Verlust wieder wettzumachen. "Einige Werte, die zuletzt stark eingebrochen waren, sind eben zur Spielwiese für Zocker geworden", sagt die Sprecherin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Petra Krüll.

Sie gönnt den Anlegern die Gewinne, sieht die Entwicklung aber auch mit Unbehagen: "Solche Ausschläge helfen nicht gerade, die Verunsicherung der Anleger zu beseitigen. Mehr Kontinuität würde dem Markt besser anstehen." Krülls Hoffnung, dass die Anleger aus den Erfahrungen des vergangenen Jahres gelernt haben, statt kurzfristigen Chancen nach zu jagen, und dafür auf langfristig solide Unternehmenskonzepte bauen, wird praktisch täglich Lügen gestraft.

Dabei sind es nicht nur die Kleinanleger, die für die Kursturbulenzen verantwortlich sind. Auch Institutionelle springen auf das Karussell auf und treiben es mit ihrer Finanzkraft zusätzlich an. Wenn wie an manchen Tagen der vergangenen Woche jeder 10. Wert am Neuen Markt Kurszuwächse zwischen 20 % und 75 % erzielt, darunter nicht wenige Werte aus dem Nemax 50, ist dies ein zusätzliches Indiz dafür. Beispiel Intertainment: Obwohl das Wohl und Wehe des Unternehmens von einem Prozess mit ungewissem Ausgang abhängig ist, stieg die Aktie innerhalb weniger Tage um mehr als 300 %, bevor sie am Freitag wieder etwas zurückfiel.

Prominentes Beispiel: EM.TV

Auch bei Brokat, die innerhalb weniger Tage ihren Wert verdreifachten, kann das nicht allein auf das Konto risikofreudiger Privatanleger gehen. Volker Borghoff, Aktienstratege der DG Bank hat für die hohen Kurssprünge eine andere Erklärung parat: "Manche Werte sind so stark gefallen, dass sich die Bestände in sicheren Händen gesammelt haben. Wenn aber praktisch keine Verkäufer mehr da sind, zieht jede Nachfrage den Kurs steil nach oben."

Auch der Freitag lieferte wieder ein prominentes Beispiel: EM.TV. Die Aktie stieg zeitweise um mehr als 50 %, nachdem gemeldet worden war, dass es neben Kirch weitere Interessenten für einen EM.TV-Einstieg gebe. Als sich herumgesprochen hatte, dass dies so bekannt wie naheliegend war, gab der Kurs wieder nach - Umsätze riesig.

Selbst bei kleineren Adressen wie der Hamburger Internet- und Multimediaagentur Popnet, deren Kurs sich innerhalb von drei Tagen verdreifachte, waren die Handelsvolumina so hoch, dass Großinvestoren vermutet werden müssen. Initialzündung für den Kurssprung war eine aufgewärmte Meldung aus dem Herbst über einen Auftrag von BMW. Kurz nach dem ersten Kurssprung machten bereits Übernahmegerüchte die Runde. Sie trieben die Aktie weiter, obwohl sich die Gerüchte nicht verdichten ließen.

"Viele Anleger wittern auch Schnäppchen, da der Markt in Teilbereichen so stark ausgebombt war, dass das Risiko relativ gering ist", meint Borghoff. In eine ähnliche Kerbe schlägt Rainer Raschdorf, Analyst des Genossenschaftsinstituts. Für einige Branchen wie beispielsweise Internetagenturen sieht er handfeste Gründe für die Erholung, denn "viele Titel waren über das Maß hinaus geprügelt worden". Nun sei die Stimmung umgeschlagen. Darin liegt jedoch auch das Risiko: Denn Stimmungen sind bekanntlich hoch volatil.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%