Kursstürze gehen durch den Magen
Wegen Börsentief: New Yorks Reiche sparen beim Essen

Feinschmecker-Läden melden Umsatzeinbrüche. Und in Restaurants feiert das Doggie-Bag wieder Konjunktur.

dpa NEW YORK. Butler und Küchenmädchen in New York haben ihre eigenen Börsenbarometer: die Einkaufslisten für ihre herrschaftlichen Haushalte. "Es geht wieder deutlich nach unten", verrät ein "James" mit Jahrzehnte langer Berufserfahrung an der vornehmen Upper East Side. In besseren Zeiten durfte er bei Dinner- Partys 89er Chateau Palmer für umgerechnet 430 DM (rund 220 Euro) die Flasche servieren. "Schon seit Monaten kommt bei meinen Leuten höchstens noch ein 89er Chateau Talbot auf den Tisch." Der ist zwar weniger komplex und im Abgang schon etwas ärmer, aber dafür kostet er auch nur um die 90 DM.

"Einige sehr teure Gürtel werden enger geschnallt", titelte die "New York Times" schon im Frühjahr als viele noch nicht so recht glauben wollten, dass der Niedergang der Kurse an der Wall Street anhalten und sogar kulinarisch durchschlagen würde. Doch inzwischen zeigen Erhebungen in edlen Weinhandlungen, Feinkostläden und Fünf- Sterne-Restaurants der selbst ernannten Feinschmecker-Hauptstadt Amerikas: Das Aktientief geht so manchem durch den verwöhnten Magen.



Touristen profitieren durch sinkende Preise

Spürbar zurück gegangen ist der Einzelhandelsumsatz bei Trüffeln, Kaviar und Gänseleberpastete. Um fast ein Drittel brach im Weinhaus Sherry-Lehmann an der Madison Avenue die Nachfrage nach Chateau Petrus ein, jenen legendären Bordeaux-Weinen, die je nach Jahrgang zwischen 600 und 2 500 DM kosten. Und weit seltener als noch vor einem Jahr gehen im "Beacon" Reservierungen für Dinnermenüs aus dem Holzofen für 9 000 DM pro Person ein.

Dafür kann man in New Yorker Edel-Schenken wieder die in älteren Reisebüchern oft beschriebene Doggie-Bag-Szene beobachten: Vornehm gekleide Dame mit Brillantschmuck lässt sich die Reste eines Fünf- Gänge-Menüs "für meinen Hund" einpacken. Um 20 % haben die Bitten um Doggie Bags in den vergangenen 12 Monaten wieder zugenommen, ergab eine Umfrage bei 450 Restaurants der besseren Sorte.

Die finanzielle Diät, die sich viele Betuchte angesichts einer unsicheren Dividendenzukunft verordnet haben, kommt Feinschmeckern mit weniger dicken Konten, unter ihnen viele Touristen, zugute. "Selbst in den besten Restaurants sind Tische wieder leicht zu bekommen", hat New Yorks "Gastronomie-Papst" Tim Zagat beobachtet. Vorbei sind die Zeiten versnobter Türsteher und hochnäsiger Stimmen am Reservierungstelefon. Doch die beste Nachricht für den Normalverbraucher ist, dass selbst Upper-Class-Adressen mit "Festpreis-Menüs" für schlappe 50 DM locken. Und auch bei den Getränken ist der Preiskampf eröffnet. Als erster schenkt jetzt der Edel-Mexikaner "Chicama" sonntags bis dienstags Wein für die Hälfte aus.



Restaurant-Pleiten lassen noch auf sich warten

Noch hat es im Big Apple keine nennenswerten Restaurant-Pleiten gegeben. Doch die Boomjahre, in denen jeden Monat mehr als ein Dutzend Luxusgaststuben hinzu kamen, sind vorüber. Erstmals sind für diesen Herbst und das Frühjahr 2002 so gut wie keine luxuriösen Neueröffnungen angekündigt. Und wenn die Wall-Street-Berichte weiter vor Worten wie "Notierungsrückgang", "Angstverkäufe" und "Technologie-Pessimismus" strotzen, sehen New Yorker Branchenkenner gar einen Niedergang der gehobenen Esskultur voraus.

"Wir stehen vor sehr schlechten Zeiten", glaubt der Gastronomie- Unternehmer Steve Hanson, der neben anderen die immer noch gut laufenden Restaurants "Blue Water Grill" und "Ruby Foo's" besitzt. Immer öfter erhalte er Angebote, Gourmet-Tempel zu kaufen. "Zurzeit würde ich das nur zu absoluten Schleuderpreisen machen. Das dürfte aber erst in ein paar Monaten soweit sein."

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