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Kurt Sibold: Wunsch nach Normalität und großem Wachstum

Im Frühsommer vergangenen Jahres, gut drei Monate nach seinem Einstieg bei Microsoft, verstand Kurt Sibold plötzlich, warum die Arbeit für das Softwareunternehmen kein normaler Job sein würde.

HB DÜSSELDORF. Ein Fachjournalist, den der neue Leiter des Regionalbüros in München schon aus den Zeiten bei Hewlett Packard kannte, war plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen. "Ich verstand nicht, warum der Mann so aggressiv war", erinnert sich Sibold. Der Journalist habe nur gesagt: "Mit Microsoft-Managern redet man so."

Die Antwort sei für ihn ein Schlüsselerlebnis gewesen, sagt Sibold. Abfinden will sich der Diplom-Informatiker mit dieser Situation aber nicht. Daher sucht Sibold, der lange vor seinem offiziellen Start als Deutschland-Geschäftsführer Anfang Juli das Kommando übernommen hat, das Gespräch, gerade auch mit der Presse. Düsseldorf ist die letzte Station seiner Tour durch die großen Städte in Deutschland. "Ich will, dass man nicht über mich redet, sondern mit mir", sagt er. Sibold ist sogar bereit, alte Feindschaften zu vergessen. So sei es durchaus denkbar, das Verhältnis zur Zeitschrift "PC Welt" wieder zu normalisieren, die nach der Veröffentlichung von Teilen des Windows-Quellcodes im Juli 1998 in Ungnade gefallen und mit einem Boykott überzogen worden war.

Für Gesprächsstoff ist gesorgt

Sicher ist auch so, dass in den kommenden Monaten in Deutschland über Microsoft geredet wird. Am 31. Mai bringt das Softwareunternehmen Office XP auf den Markt, im Oktober kommt das neue Betriebssystem Windows XP. Dabei sind die vorherigen Produktlinien nicht einmal durchgängig vermarktet worden, und der PC-Markt entwickelt sich schleppend. "Wenn Sie sich fragen, ob uns das Marktwachstum reicht, lautet die Antwort ganz klar nein", sagt Sibold. Gegen den Trend soll der Konzern zulegen. "Das heißt im Klartext, das wir anderen Geschäfte abnehmen werden."

Auch die enge Verknüpfung von Windows XP mit dem Internet, die den Kunden von einem Microsoft-Service zum nächsten führen soll, wird Microsoft neue Feindschaft einbringen. Und als gebe es nicht genug Probleme, hat es das Unternehmen bis heute nicht verstanden, seine neue Lizenzpolitik der Presse und den Analysten zu verkaufen. Unternehmen, die im Schnitt alle vier Jahre auf eine neue Version umgestiegen seien, komme das neue Preismodell günstiger, sagt Sibold, und die Pressesprecherin verweist auf einen Experten im Haus, der ausführlich begründen könne, wie sich das neue Modell rechne.

Linux ninmt Sibold nicht auf die leichte Schulter

Potenzial sieht Sibold vor allem im Markt der Server, in dem Sun führend ist. Der Marktanteil von Microsoft liege in diesem Segment nur bei 40 Prozent. Bei den Büroanwendungen wie Textverarbeitung und Tabellenkalkulation erreicht er hingegen 90 Prozent. Für Sibold liegt die Diskrepanz auch an der bisherigen Organisationsstruktur. Entwickler lassen sich nach seinen Worten nicht in erster Linie durch kaufmännische Argumente überzeugen.

In der Vergangenheit habe Microsoft die Entwicklergemeinde, die inzwischen häufig auf Java oder Linux umgestiegen sei, zu sehr vernachlässigt, findet Sibold. Im April hat er daher durchgesetzt, dass sich nun ein eigener Geschäftsbereich um die 220 000 Entwickler in Softwarefirmen und Unternehmen in Deutschland kümmert. Vor allem das Open-Source-Projekt Linux bereitet Sibold Kopfzerbrechen. "Die wollen das beste Betriebssystem der Welt entwickeln und kostenlos anbieten. Microsoft nimmt diese Konkurrenz sehr ernst."

Sibold schreckt nicht davor zurück, die Dinge beim Namen zu nennen. "Ich halte nichts davon, von Herauforderungen zu reden, wenn es sich tatsächlich um Probleme handelt." Linux ist ein Problem, über das er offen reden mag. Einsilbig wird er hingegen, wenn es um die weitere Karriereplanung seines Vorgängers Richard Roy geht, der offiziell noch bis Ende Juni amtiert. Der wollte ursprünglich in die USA wechseln und musste dann erkennen, das nach einer Reorganiation der Posten bedeutungslos geworden war. Roy verzichtete auf die Stelle. In zwei Wochen soll nun "auf europäischer Ebene" ein neuer Posten gefunden sein.

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