Kurz vor Beginn der nächsten Tarifrunde sorgt der Vorschlag ertragsabhängiger Lohnabschlüsse für einen Riss quer durch die Gewerkschaft
Zwickels Tarifpolitik spaltet die IG Metall

In den Bezirken der IG Metall beraten die Funktionäre zurzeit die Strategie für die Lohnrunde 2002. Dabei entwickelt sich die Debatte immer mehr zu einem grundsätzlichen Richtungsstreit in der Gewerkschaft. Er wird gefördert durch den Wettlauf der Kronprinzen Peters und Huber um die Zwickel-Nachfolge.

BERLIN. Kurz vor Beginn der heißen Phase in der Lohnrunde 2002 spaltet die Tarifpolitik die IG Metall. Der Riss ist tief wie selten, denn zur Diskussion steht ein Dogma der Gewerkschaft. Es geht um die Frage, ob Tarifverträge künftig Rücksicht auf die Ertragslage des einzelnen Unternehmens nehmen sollen. Dies hätte zur Folge, dass die Beschäftigten unterschiedlich stark von einer Tariferhöhung profitieren würden. Ein Novum nicht nur für die IG Metall, sondern für die gesamte deutsche Tarifpolitik.

Den Stein ins Wasser geworfen hatte IG Metall-Chef Klaus Zwickel vor knapp zwei Wochen in einem Zeitungsinterview. Dort sprach er sich für variable Lohnabschlüsse in zwei Stufen aus. Die erste Stufe beinhalte eine einheitliche Lohnerhöhung für alle, die zweite orientiere sich am wirtschaftlichen Erfolg des Betriebes. Seither ist Zwickel auf Reisen. Zuerst mit dem Kanzler in China, dann in Sachen Gewerkschaftsarbeit in Vietnam und jetzt in Australien, wo der internationale Metallgewerkschaftsbund tagt, dessen Vorsitzener Zwickel ist.

Zuhause rückt derweil sein Vize Jürgen Peters die Welt wieder zurecht. In der nächsten Tarifrunde komme eine Entgelterhöhung abhängig vom Unternehmenserfolg nicht in Frage, bremste er Zwickel in der "Hannoverschen Allgemeinen" aus. Das Thema müsse erst einmal ausführlich diskutiert werden. Auch von Zwickels Vorschlag eines kurzfristigen Tarifvertrags hält der Vize wenig. Er plädiert statt dessen für eine Laufzeit von einem Jahr. Und wo Zwickel wegen der darniederliegenden Konjunktur die Mitglieder auf "Augenmaß" einzuschwören versucht, da fordert Peters "Geld, Geld und nochmals Geld".

Diese Differenzen würden die IG Metall weniger belasten, stünde für viele Funktionäre dabei nicht immer auch die "V-Frage" im Raum. Wer wird im Herbst 2003 Zwickels Nachfolger? "Da geht es um die Positionierung für einen versteckten Wahlkampf", glaubt ein Funktionär, der seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. Wolfgang Nettelstroth, Sprecher des IG Metall-Bezirks Nordrhein-Westfalen beobachtet: "Die Mitglieder reagieren auf diese Differenzen zunehmend irritiert".

Eigentlich ist Peters als Vize der natürliche Kronprinz. Doch in der IG Metall heiß als Herausforderer gehandelt wird der Stuttgarter Bezirksleiter Berthold Huber. Beide stehen für unterschiedliche Kurse in der Tarifpolitik. Peters steht für die Tradition, Huber quält die Funktionäre bisweilen mit schwierigen Modernisierungsdebatten. Auch der Vorschlag ertragsabhängiger Tarifabschlüsse kommt von ihm. Zwickel hat die Idee nur übernommen. Beide eint die Erkenntnis, dass der bisherige Flächentarifvertrag mit zweistelligen Differenzen beim Produktivitätswachstum der Unternehmen nicht mehr fertig wird. Peters hingegen sieht in der Ertragsabhängigkeit das Ende solidarischer Tarifpolitik. Von seinem Abteilungsleiter und einstigen Vertrauten Heribert Karch, der vor kurzem ebenfalls öffentlich für variable Lohnerhöhungen plädierte, hat er sich getrennt.

Die Kluft zwischen Peters auf der einen sowie Huber und Zwickel auf der anderen Seite setzt sich in den Gliedern der IG Metall fort. So lehnt der bayerische IG Metall-Chef Werner Neugebauer die variable Lohnerhöhungen entschieden ab, ebenso sein niedersächsicher Kollege Hartmut Meine. In Berlin hingegen hat Bezirksleiter Hasso Düvel vor der dortigen Tarifkommission entschieden für den Zwickel-Vorschlag plädiert. Sein Kollege in NRW, Peter Gasse, sieht in darin ebenfalls einen geeigneten Weg, der unterschiedlichen Situation in den Betrieben gerecht zu werden.

Zwickels Vorstoß eines kurzfristigen Abschlusses findet dagegen immer weniger Anhänger. "Zweimal im Jahr die Beschäftigten für eine Tarifkonflikt zu mobilisieren ist zu viel", sagt NRW-Sprecher Netteelstroth.

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