Kurzers Corner
Wenn Zahlen nicht zählen

Es war einmal eine Aktiengesellschaft, die erfolgreich arbeitete, so dass Umsätze und Gewinne kräftig stiegen. Als sie das ihren erwartungsvollen Aktionären mitteilte, brach der Börsenkurs jedoch ein. Die Beobachter, ebenso überrascht wie das Unternehmensmanagement, fanden den Grund dafür rasch heraus: Eine Herde von Aktienanalysten hatte ihren Kunden noch ein bisschen mehr Zuwachs in Aussicht gestellt und reagierte nun enttäuscht.

Ein Märchen? Inzwischen brechen Kurse schon ein, wenn die Zahlen genau so kommen wie erwarte – weil man (die Analysten) insgeheim doch noch mehr als erwartet erwartet hatte. Oder man (erst die Analysten, dann der Markt) reagiert verschnupft darauf, dass zwar hochgesteckte Erwartungen für ein Quartal erfüllt, nicht aber mindestens genauso optimistische Vorhersagen gleich mitgeliefert wurden.

Im Zeitalter der Kurzfristigkeit geht es kaum noch um die Qualität von Zahlen oder anderen Informationen – dafür fehlt den Märkten die Zeit. Nachrichten (= Informationen nach denen wir uns richten) sind inflationär geworden. Und intensiver denn je bekommen die Anleger zu spüren, dass Börsenkurse nur in einem einzigen Moment richtig und wichtig sind: dem Moment ihrer Feststellung.

Einerseits wird wie nie zuvor über die Qualität der Analystenprognosen diskutiert, andererseits ist deren Einfluss auf die Börsenkurse so groß wie nie zuvor. Dem Anleger bleibt kaum etwas anderes übrig, als sich darauf einzustellen und der Tendenz zu folgen. Nur Spötter kommen auf die Idee, ein laufendes Rating für Analystenprognosen oder gar eine Plausibilitätsprüfung ihrer Empfehlungen durch die Wertpapieraufsicht zu fordern (alle anderen Publizitätsanforderungen werden ja schon behördlich überwacht).

Vor 30 Jahren, als die Meinungsbildung über Kurse teilweise noch auf dem Parkett erfolgte, sagte einmal der Börsenchef einer Großbank unter dem Beifall seiner Kollegen: „Wir machen genau das Gegenteil von dem, was unsere Analysten empfehlen – und liegen damit nicht schlecht.“

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