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Kurzes Gedächtnis

Von Albrecht Prinz Croy Nun also auch Schily. Durfte man bei den Ausfällen des Kanzlers gegen die Medien noch eine den Endorphinen geschuldete Ausnahme vermuten, so wird es nun doch System.

Von Albrecht Prinz Croy

Nun also auch Schily. Durfte man bei den Ausfällen des Kanzlers gegen die Medien noch eine den Endorphinen geschuldete Ausnahme vermuten, so wird es nun doch System. Der Innenminister wiederholte auf dem Kongress der Verleger die Kritik, variierte sie und meinte, die Medien hätten vorzeitig Nachrufe auf Rot-Grün geschrieben, manche sich sogar an Stelle des Wählers gesehen. Abgesehen davon, dass es "die Medien" mit den Nachrufen auf Rot-Grün ja goldrichtig gemacht hätten (dieses Bündnis ist nun wirklich abgewählt worden), offenbart das Verständnis des deutschen Verfassungsministers über freie und kritische Berichterstattung ein gestörtes Verhältnis zur Gleichbehandlung und in jedem Fall ein kurzes Gedächtnis.

Wer unvoreingenommen sich erinnern möge, dem wird die Situation von 1998 vor das geistige Auge treten. Die Republik war des ewigen Kanzlers Kohl überdrüssig geworden. Alles schrie aus jeder Pore nach dem Wechsel, vor allem aber die Leitartikler schrieben sie förmlich herbei. Der abgewählte Kanzler schied nicht nur in nobelster Weise aus dem Amt, er versuchte auch gar nicht erst, die Schuld an seiner Niederlage den bösen Journalisten zuzuschieben. Und dies, obwohl er 16 Jahre gegen die geballte Medienmacht regiert und ein mehr als gestörtes Verhältnis zu der "Bande" hatte. Der legendäre Spiegel-Chefredakteur Erich Böhme rühmte sich noch lange, sein Zerwürfnis mit Rudolf Augstein habe mit dessen einzigem positiven Kommentar zu Kohl und der Wiedervereinigung ("Glückwunsch, Kanzler!") begonnen. Zerrütteter konnte ein Verhältnis nicht sein. Schröder dagegen segelte auch nach seinem Amtsantritt auf einer Welle von M ediengunst, die ihn auch zu seiner Wiederwahl trug, weil einige Blätter und Sender die Inszenierung als Friedens- und Hochwasserkanzler nur all zu gern mitmachten.

Nun hatte sich eine ähnliche Wechselstimmung im Land breitgemacht, die von den Medien aufgenommen und beschrieben wurde. Doch nun eben gegen Schröder und seine Regierung. Dergleichen soll vorkommen. Es zeigt schon ein sehr denkwürdiges Verhältnis zur Pressefreiheit, wenn dies nun als einseitige Kampagne gebrandmarkt wird. Woher nehmen die Leute diese Chuzpe? Sind sie sakrosankt, darf man Schröder und seinen geistigen Büchsenspanner Schily nicht kritisieren? Der Wind kann sich drehen, auch gegen sozialdemokratische Kanzler und ihre Innenminister. Aber wer eine krachende Niederlage in einen Sieg umdeutet, der ist auch fähig, einem medialen Verfolgungswahn zu erliegen.

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