Kurzfristig droht den Börsen Gefahr
Metaller-Streik belastet Automobil-Aktien

Noch ignorieren die Börsen die Tarifauseinandersetzungen. Lediglich Daimler-Chrysler und Porsche reagieren negativ. Doch Experten sind sich sicher, dass ein längerer Streik und hoher Tarifabschluss die Kurse drücken werden. Längerfristig sind die Aussichten indes positiv: Der Streik zwingt die Unternehmen, ihre Kosten zu senken.

DÜSSELDORF. Arbeitskampf in der Metall-Industrie? "Das ist kein Thema", meinte ein Händler am Frankfurter Parkett. Für die Märkte ist der Produktionsausfall bislang ein Non-Event. Zwar gehörte Daimler-Chrysler - in Sindelfingen, wo die neue E-Klasse produziert wird, standen die Räder still - zeitweise zu den Tagesverlierern im Deutschen Aktienindex (Dax). Doch die Stuttgarter werden den Verlust nach der fulminanten Kursrally in den vergangenen Monaten verschmerzen können. Tagesereignisse wie die BMW-Quartalszahlen und der Zinsentscheid der amerikanischen Notenbank waren die beherrschenden Themen. Und doch beeinflussen Tarifauseinandersetzungen die Kurse - kurz-, mittel- und langfristig.

"Alle Streiks haben sich negativ auf die Aktienkurse ausgewirkt. Lediglich Dauer und Ausmaß der Wirkung waren unterschiedlich", meint Hans-Dieter Schulz vom Hoppenstedt-Verlag. Der Charttechniker hat alle Streiks in der Metall- und Stahl-Industrie seit den sechziger Jahren mit der Börsenentwicklung verglichen. Sein Fazit: Während stürmischer Aufwärtsentwicklungen an den Börsen sind die Streikauswirkungen gering. Doch in wirtschaftlich schwachen oder labilen Phasen, wie beispielsweise 1973/74, waren die negativen Folgen stark. "Sollte der aktuelle Streik länger dauern, wird sich das mit hoher Wahrscheinlichkeit negativ auf die Aktienkurse auswirken", meint Schulz.

"Jeder geht bislang davon aus, dass die Streiks nur kurz dauern. Zwei Wochen sind an den Märkten eingeplant und werden deshalb ohne große Folgen bleiben", meint Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin. Allerdings, so schränkt die Strategin ein, könnte sich das Ifo-Geschäftsklima auf Grund der Tarifauseinandersetzungen eintrüben. Die an den Märkten viel beachteten Daten zur Konjunktur werden nach Pfingsten präsentiert.

Massenhersteller stärker betroffen

Am meisten trifft der Metallerstreik bislang die Automobilindustrie. Tag für Tag beträgt der Produktionswert-Verlust nach Berechnungen von Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochlschule Gelsenkirchen, 300 Mill. Euro. Davon entfallen auf die Hersteller 90 und auf die Zulieferer 210 Mill. Euro. Während Audi, Mercedes, BMW und Porsche satte Gewinne schrieben und eher zu Lohnzugeständnissen in der Lage seien, befände sich Opel mitten in der Sanierung. "Volkswagen, Opel und Ford sind als Massenhersteller stärker betroffen als Daimler-Chrysler, BMW und Porsche", glaubt Dudenhöffer. Während beispielsweise VW steigende Lohnkosten im Markt kaum weitergeben könne, besäßen die Exklusiv-Hersteller mehr Spielraum. Dagegen glaubt Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler, dass gerade der Premiumhersteller Porsche am härtesten betroffen ist, weil er in Deutschland nur ein - bestreiktes - Werk hat. Gestern verlor die Aktie knapp 3 %. "Insgesamt bleiben die Auswirkungen aber gering. Man muss die Kirche im Dorf lassen", sieht Pieper weder auf Porsche noch auf andere Hersteller große Schwierigkeiten zukommen.

Einig sind sich die Strategen darin, dass Automobilzulieferer stärker in Mitleidenschaft gezogen werden. Der Grund: Hersteller reichen höhere Kosten, die durch Produktionsausfälle und Tarifabschlüsse entstehen, an ihre Vertragsfirmen weiter. Dazu zählen beispielsweise Bertrandt, Beru, Continental, Edscha, Kiekert, Koegel, Kolbenschmidt, Phoenix und Sachsenring. "Bei Zulieferern ist die Last doppelt groß. Sie können ihre höheren Kosten niemandem weitergeben und bekommen obendrein die Last der Hersteller", meint Christian Breitsprecher von der Deutschen Bank.

Längerfristig sehen Investmentstrategen dagegen kaum Belastungen für die Automobil-Industrie. "Die Unternehmen holen sich die höheren Ausgaben wieder herein", meint Georg Stürzer von der Hypo-Vereinsbank. Er rechnet mit Arbeitsplatzverlusten in Deutschland, wenn den Firmenmanagern die Vereinbarung zu teuer erscheint. "Bei einem Tarifabschluss mit einer vier vor dem Komma sind Opel, Ford und VW gezwungen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern", glaubt auch Dudenhöffer. Vor allem die gebeutelten Zulieferer werden nach Ansicht vieler Analysten künftig noch mehr in billigeren Länder wie in Osteuropa produzieren. Für Aktionäre ist das keine schlechte Perspektive: Niedrigere Kosten lassen die Margen und damit auch die Aktienkurse (wieder) steigen.

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