Kurzfristig erwarten Experten festere Börsen
Die Angsthasen sind weg – jetzt steigen die Kurse

Die Nachrichtenlage könnte kaum düsterer sein. Wohin man auch blickt, alle Fundamentaldaten sprechen gegen einen Aufschwung an den Börsen. Doch die Realität sieht anders aus: Je schlechter die Rahmenbedingungen werden, desto mehr stabilisieren sich die Börsen. Dem größten Quartalsverlust im Deutschen Aktienindex (Dax) seit 1959 (minus 42,5 %) folgt seit der zweiten Oktoberwoche eine Rally, die den Dax bislang um ein Viertel steigen lässt.

DÜSSELDORF. Wie kommt dieser scheinbar widersinnige Aufschwung zu Stande? "In den vergangenen vierzig Jahren hat es häufig kräftige Börsenerholungen gegeben, wenn ringsum alles schlecht ist. Wer aus dem Markt raus will, ist bereits raus gegangenen - gerade wegen der vielen schlechten Nachrichten", beschreibt Vermögensverwalter Jens Erhardt die Situation.

Die fundamentalen Sorgen der Börsianer sind nach zweieinhalbjähriger Baisse keineswegs kleiner geworden. Nach wie vor belastet ein möglicher Krieg. In allen wichtigen Industrienationen läuft die Konjunktur schlecht. Den USA und Teilen Europas droht eine Rezession. Spätestens nach dem Einbruch des amerikanischen Verbrauchervertrauens auf den tiefsten Stand seit 1993 glaubt niemand mehr, dass die US-Wirtschaft auf dem Pfad der Erholung ist. Wenn der Konsument sein Vertrauen verliert, rutscht der amerikanische Binnenmarkt in eine tiefe Krise.

Investmentbanker sehen Entwicklung in Deutschland mit Sorge

In Europa ist es kaum besser. Führende Investmentbanken sehen vor allem die Entwicklung in Deutschland mit Sorge. So vergleicht Merrill Lynch die Situation in dem größten Euroland mit der in Japan Anfang der neunziger Jahre. Hauptkritikpunkt ist, dass die Regierung auch nach den schmerzlichen Verlusten an den Märkten keine Umstrukturierungen auf den Weg bringt, die in Richtung Wachstum zielen. Merrill Lynch prognostiziert deshalb, dass sich die Talfahrt an den Börsen - vor allem in Deutschland - fortsetzt. Morgan Stanley fürchtet, dass Deutschland in eine Rezession rutschen könnte, mindestens drohe eine Phase des Stillstandes. Inzwischen lähme Deutschlands Konjunkturschwäche und schlechte Wirtschaftspolitik den gesamten Euroraum.

Derzeit ist das Umfeld offenbar so schlecht, dass sich potenzielle Verkäufer längst vom Aktienmarkt verabschiedet haben, ängstliche Naturen legen ihr Kapital woanders an. Weitere schlechte Nachrichten lösen kaum Verkaufsdruck aus. "Entscheidend ist die Angebotsknappheit. Kaum jemand bietet auf diesem Kursniveau noch Aktien an. Auch Versicherungen haben einen Großteil ihrer Bestände verkauft, die sie loswerden wollen", glaubt Erhardt. Die verhältnismäßig niedrigen Umsätze in den vergangenen Tagen geben ihm Recht. Der Verkaufsdruck, wie ihn die Börsen noch Anfang Oktober erlebten, als sich vor allem Assekuranzen aus Sorge um ihre Bilanzen von Aktien trennten, ist gewichen.

Kein Aussicht auf nachhaltige Trendwende

Erhardt rechnet zwar damit, dass sich die Rally noch bis zu drei Monate fortsetzen könnte. Die Saisonalität, wonach Aktien seit Jahrzehnten zwischen November und März stark zulegen, spricht dafür. Doch eine nachhaltige Trendwende erwartet er nicht. "Auf Dauer können sich Aktien nicht von der Entwicklung der Firmengewinne abkoppeln", sagt Erhardt.

Die dahinter stehende Logik ist folgende: Angelockt durch steigende Kurse drängen neue Investoren in den Markt. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Langfristanleger. Kommen neue schlechte Nachrichten auf den Markt, verkaufen die "zittrigen Hände" wieder. "Da die fundamentale Lage schlecht ist, sind 2003 durchaus neue Index-Tiefs möglich", sagt Erhardt.

Doch gerade die weit verbreitete pessimistische Grundstimmung, die der Vermögensverwalter mit vielen Investmentbanken, Anlegern und Printmedien teilt, könnte die Rally vorerst am Leben halten - gemäß der Annahme, dass nur Optimisten investiert sind. So sind potenzielle "Schnell-Wiederverkäufer" noch gar nicht in den Markt eingestiegen. Befragungen ergeben, dass 43 % der amerikanischen Börsenbriefe pessimistisch eingestellt sind. Viel Skepsis signalisiert auch das Put-Call-Verhältnis, also der Anteil der Investoren, die auf fallende bzw. steigende Kurse setzen.

Dass der Aufschwung kurzfristig weitergeht, zeigt auch der V-Dax. Dieser Volatilitäts-Index misst die erwartete Schwankungsbreite des Dax. Abgesehen von wenigen Tagen liegen die Werte seit einem Vierteljahr über 45. Das ist Rekord. In der Vergangenheit zog eine hohe Volatilität immer höhere Kurse nach sich. Dasselbe gilt für den Abstand des Dax zu seiner 200-Tage-Linie, also dem Durchschnitt in den vergangenen 200 Handelstagen (Grafik). Immer wenn der Dax mehr als 20 Prozent unter seinem 200-Tage-Durchschnitt notierte, kam es zumindest kurzzeitig zu rasch steigenden Kursen. Daran scheint sich auch dieses Mal nichts zu ändern, wie die Rally beweist.

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