Kurzsichtig
Kommentar: Zweite Großbankenfusion geplatzt

Zum zweiten Mal innerhalb von vier Monaten ist der Versuch gescheitert, per Fusion eine neue deutsche Großbank zu schmieden. Dresdner Bank und Commerzbank waren in den sechswöchigen Sondierungsgesprächen zwar sehr weit gekommen; über schwierige Fragen wie die Strategie, eine innovative Holding-Struktur und selbst die Verteilung der Führungspositionen in dem angepeilten Fusionsinstitut waren sie sich angeblich schon weitgehend einig geworden. Trotzdem ging auch dieser Zusammenschluss nun schief.

Gescheitert ist das ehrgeizige Projekt an einer ähnlichen Hürde wie Anfang April die Fusion zwischen Dresdner und Deutscher Bank - an der Frage, ob es eine "Fusion unter Gleichen" werden kann, ob eine der Banken als Senior- und die andere als Juniorpartnerin eingestuft werden sollte. Während diesmal die gegenseitige Bewertung der Streitpunkt war, ging es bei Deutscher und Dresdner um die Zukunft des Investment-Bankings. Damals wollte die Dresdner Bank nicht die zweite Geige spielen. Diesmal wollten offenkundig Dresdner und Allianz die Commerzbank dominieren. Über die langfristigen Vorteile der Fusion hat heute wie damals am Ende kaum noch jemand geredet.

Für beide Banken und den Finanzplatz Frankfurt ist das Scheitern der Fusion, ähnlich wie der damalige Abbruch der Gespräche zwischen Deutscher und Dresdner Bank, ein Desaster. Die letzte Chance, im Rahmen der Konsolidierung der Kreditwirtschaft eine deutsche Lösung zu erreichen, wurde vertan. Die Dresdner Bank hat sich als Fusionspartnerin auf absehbare Zeit unmöglich gemacht - wer will sich schon mit einer Braut einlassen, die gerade zwei gescheiterte Verlobungen hinter sich hat.

Die Commerzbank ist ohnehin zu klein, um im europäischen Konzentrationsprozess eine Hauptrolle zu spielen. Sie droht nun, ganz im Sinne des an hohen Kursgewinnen interessierten Großaktionärs Cobra, zum Objekt von übernahmewilligen Großbanken im Ausland zu werden. Der Dresdner könnte es ähnlich ergehen. Beide Institute behaupten zwar nun wieder, eigenständig voranmarschieren und überleben zu wollen. Für beide gilt aber, dass sie gemeinsam bessere Zukunftschancen gehabt hätten, erst recht hinsichtlich der Ausnutzung der Synergieeffekte und der zu erwartenden Kostenersparnisse.

Der Finanzplatz Frankfurt sollte angesichts der gescheiterten Fusion Trauerbeflaggung aufziehen. Der Imageschaden, vor allem im Ausland, ist auf Grund der zwei gescheiterten Bankenehen enorm. Einmal mehr drängt sich der unangenehme Vergleich mit dem reformfaulen Italien auf, wo im letzten Jahr ebenfalls mehrere ehrgeizige Bankenfusionen auf Grund kurzsichtiger Motive scheiterten. Südlich und nördlich der Alpen gilt nun, da sämtliche denkbaren Annäherungsversuche unter den einheimischen Großbanken erledigt sind, dass nach europäischen Lösungen gefahndet werden muss. Nur so dürften die Banken, die sich bisher um Fusionen herumgedrückt haben, in dem sich rasch verschärfenden und globalisierenden Wettbewerb noch mithalten können.

Vielen Bankmanagern mag jetzt die Fusionslust endgültig abhanden gekommen sein. Sie werden sich zurückziehen auf Floskeln wie "Größe ist nicht alles" und "Alleine schaffen wir es auch". Dennoch wird sich das Fusionskarussell in Europa weiter drehen, und keiner wird als letzter übrig bleiben wollen. Deswegen dürfte es hinter den Kulissen schon bald wieder heftige Aktivitäten geben, und neue Modelle werden die Runde machen. Dabei steht bisher nur eines fest: Der nächste Fusionsanlauf kommt bestimmt.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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