Ladenhüter
Mobiltelefone werden millionenfach nach Fernost verschoben

In Europa quellen die Lager über mit Mobiltelefonen. Millionenfach werden die Ladenhüter nach Fernost verschoben. Siemens und Ericsson klagen über Preisdumping in Asien. Das Pikante: Indirekt finanzieren Europas Telefongesellschaften die Schnäppchen.

HB. Das "City Communication Center" ist ein typischer Hongkonger Telefonladen, schwer zu finden im Menschengewühl der Innenstadt. Handgemalte Schildchen, mehrfach durchgestrichen und überschrieben, kleistern die Schaufenster zu und versprechen Handys zu Sonderpreisen. Hier ist jeden Tag Schlussverkauf. Denn CCC verscherbelt die Mobiltelefone, die im Westen keiner mehr will.

Angesprochen auf seine Bezugsquellen, wird der Verkäufer seltsam mundfaul. Eingepfercht in seinen nur wenige Quadratmeter großen Laden, begutachtet er den Kunden kurz misstrauisch - und gibt dann vor, kein Englisch zu verstehen. Eine Garantie auf die ausgestellten Waren? Auch auf diesem Ohr ist der Geschäftsmann, dem das Englische zu Anfang leidlich über die Lippen ging, taub.

Auf dem Ladentisch liegt ein Nokia-Klassiker, das etwas in die Jahre gekommene Modell 3210. In gelben Lettern prangt darauf der Schriftzug "Telefónica". Nach ein wenig Verhandeln soll es 480 Hongkong-Dollar kosten, umgerechnet 135 Mark, fast die Hälfte unter dem regulären Ladenpreis. Aber auch neue Modelle von Nokia, Siemens, Ericsson und Motorola haben CCC und seine Konkurrenten um die Ecke günstig im Angebot. Um die Herkunft der Geräte zu verschleiern, wurden bei einigen die Logos der ursprünglichen Anbieter überspritzt - eine gängige Praxis. Bei einem schimmert aber noch die Aufschrift "Airtel" durch. Nicht immer gehen die Importeure so amateurhaft vor: Oft tauschen sie die Gehäuseschalen aus.

Motor für die Grauimporte sind die hohen Zuschüsse, mit denen Europas Telefongesellschaften Handys für den Kundenfang subventionieren. Finden die Geräte keinen Absatz, werden sie abgeschrieben, an Zwischenhändler verkauft und nach Asien verschoben, berichten Branchenkenner. "Die Bezuschussung der Geräte in Europa reicht aus, in Fernost erheblichen Preisdruck zu erzeugen", sagt Martin Kinne, der Chef von Siemens? Handygeschäft in Asien.

Das wurmt die Hersteller, denn Länder wie China oder Indien sind die letzten Märkte, wo die Nachfrage nach Handys noch boomt. Philippe Kubbinga, Ericssons Marketing-Director in Fernost: "Grauimporte sind ein ernstes Problem, weil sie das Preisniveau in der ganzen Region senken", klagt er.

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Lehrbuchbeispiel für das Spiel von Angebot und Nachfrage, kommt erst durch kriminelle Energie richtig in Schwung. Gewiefte Zwischenhändler und Softwarepiraten helfen der "unsichtbaren Hand" (Adam Smith) des Marktes kräftig nach. "Irgendwo entlang des Lieferweges wird an diesen Telefonen illegal manipuliert", ärgert sich Kubbinga.

Verschieben nicht verboten

Das Verschieben von Europas Überkapazitäten in den Fernen Osten ist an sich nicht verboten. Doch beim Export spielt nach Meinung von Branchenkennern Schmuggel eine große Rolle. Und meist wird die Grenze zur Gesetzeswidrigkeit in zwei weiteren Punkten überschritten, berichten Kinne und Kubbinga: An vielen Geräten wird die SIM-Karten-Sperre gebrochen; sie legt ein von einer Mobilfunkgesellschaft subventioniertes Handy auf das Netz des ursprünglichen Anbieters fest. Außerdem wird fast immer neue, illegal kopierte Software auf die Geräte gespielt. Anders wären Europas Handys in Asien kaum verkäuflich.

Obwohl die beiliegende Gebrauchsanweisung noch auf Spanisch ist, blinken zum Beispiel auf dem Display des Telefónica-Geräts bei CCC chinesische Schriftzeichen auf. Diese finden sich auch auf der Tastatur.

Siemens-Mann Kinne hat auf Inspektionstouren bei asiatischen Handy-Händlern die Logos vieler europäischer Mobilfunker ausgemacht, von Vodafone bis E-Plus. Und das nicht nur in Hongkong: Besonders schlimm ist die Lage in Indien, China, Indonesien und Malaysia, berichten er und Kubbinga übereinstimmend.

Kinne schätzt, dass auf jedes legal nach Asien eingeführte Gerät mehr als ein Grau-Import aus Europa kommt - wobei in Indien der Prozentsatz am höchsten ist. Die Dimensionen jedenfalls sind enorm: Im ersten Quartal dieses Jahres nahmen Chinas Mobilfunker 15 Millionen Neukunden unter Vertrag, die alle ein Gerät erstehen mussten. Wäre davon ein Fünftel grau importiert, käme man auf drei Millionen Geräte in drei Monaten.

Nachschub ist gesichert

Für Nachschub ist gesorgt: ING Barings schätzt, dass alleine aus dem dritten und vierten Quartal 2000 im Moment noch 50 bis 80 Millionen unverkaufte Handys in den Lagern liegen, vor allem in Westeuropa. Erst mit Zeitverzögerung wird sich deshalb in Asien die Tatsache bemerkbar machen, dass die hoch verschuldeten europäischen Mobilfunkanbieter die Geräte-Subventionierung einschränken.

Nicht alle Grauimporte landen in Fernost. "Aber der größte Warenfluss geht ganz klar von Europa nach Asien", meint Kubbinga. Den Telefongesellschaften gibt er keine Schuld an dem Export-Karussell. Was mit den Handys geschehe, sei für diese kaum nachzuvollziehen.

Allerdings wehren sich Siemens und Ericsson mit Zähnen und Klauen gegen Grauimporte. "Wir verbessern ständig Software und SIM-Schlösser", sagt Kubbinga. Anfangs funktioniere das. "Aber da draußen gibt es Leute, die alles daransetzen, unsere Sicherheitsmechanismen zu knacken."

Auch Siemens versucht, dem Treiben mit verstärkter Hard- und Softwaresicherheit einen Riegel vorzuschieben. "Wir verklagen Händler, kündigen Verträge", berichtet Kinne. "Doch es bleibt ein ständiges Wettrüsten. Das ist wie mit den Hackern", seufzt er.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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