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Lärm von oben

"Ich fühle mich hier wie im zweiten Weltkrieg", erklärte der hochbetagte Vater eines Freundes kürzlich. Er hat das Pech in einer Einflugschneise für Hubschrauber zu wohnen.

"Ich fühle mich hier wie im zweiten Weltkrieg", erklärte der hochbetagte Vater eines Freundes kürzlich. Er hat das Pech in einer Einflugschneise für Hubschrauber zu wohnen. Im Durchschnitt 60 Helikopter fliegen täglich über sein Hochhausappartement in eine der Bankenmeilen der Stadt ein. Der Lärm von oben nimmt jährlich zu. Nach New York soll Sao Paulo die Stadt mit den meisten Hubschraubern weltweit sein. Jedes Bürohochhaus wird inzwischen mit einem Heliport gebaut. Brasilianische Unternehmer und Topmanager lassen sich immer mehr zu Terminen fliegen: Sie sparen Zeit, die Gefahr, entführt oder überfallen zu werden, ist geringer - und am Wochenende fliegen sie damit in einer halbe Stunde zum Strandhaus oder Fazenda - und meiden die katastrophal verstopften Straßen. Freitag, 23. September 2005, 19 Uhr, 157 Kilometer Stau in Sao Paulo melden die Nachrichtendienste gerade - normaler Feierabendverkehr, an einem langen Wochenende ist es mehr. Me in Büro ist etwa 500 Meter von einem solchen Eintrittskorridor für Hubschrauber entfernt: Zur Rushhour morgens, mittags und abends lösen sich die Helikopter im Minutentakt ab oder warten kreisend, bis sie an der Reihe sind. Telefonieren ist dann schwierig. Besonders nervt, dass Sender während der Rushhour über den wichtigsten Verkehrsknotenpunkten der Stadt Helikopter platzieren, um möglichst aktuelle Verkehrsdurchsagen machen zu können. Völlig sinnlos - denn wohin sollen die Autofahrer im Stau ausweichen? Die Beschwerden in der Bevölkerung nehmen inzwischen zu. Die Hubschrauber sollen nicht mehr nachts und außerdem höher fliegen, hat die Flugsicherung jetzt verordnet. Der Präsident der Vereinigung der Helikopter-Piloten Sao Paulos hat auf die zunehmenden Beschwerden der Bevölkerung über den Lärm von oben reagiert. "Wir bemühen uns, niemanden zu stören", sagte er - und fügte hinzu, "aber die Bewohner m&uu ml;ssen lernen mit der Modernität zu leben. Wer Vogel zwitschern hören will, der soll nicht in Sao Paulo wohnen."

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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