Lage blieb angespannt
Proteste gegen Castor in Dannenberg halten an

Mit hartnäckigen Blockadeaktionen an den Bahngleisen haben Atomkraftgegner am Mittwoch den Castor-Transport auf dem Weg zum Zwischenlager Gorleben für 17 Stunden lahm gelegt.

dpa/ddp DANNENBERG/BERLIN. Um einen ganzen Tag verspätet traf der schwer bewachte Zug mit den sechs Atommüllbehältern am Abend gegen 20.00 Uhr in Dannenberg ein. In der Verladestation sollten die Castor-Behälter in der Nacht für den heikelsten Teil des Unternehmens, den Transport auf der Straße ins knapp 20 Kilometer entfernte Gorleben am Donnerstag, vorbereitet werden. Auf der politischen Ebene entfachte der heftige Widerstand im Wendland aufs Neue die Kontroverse um den rot-grünen Atomkonsens mit der Energiewirtschaft.



ddp DANNENBERG. Im niedersächsischen Dannenberg ist es nach dem Eintreffen des Castor-Transports am Mittwochabend zu weiteren Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Demonstranten und der Polizei gekommen. Wie eine Sprecherin von Bundesgrenzschutz (BGS) und Polizei in Lüneburg auf Anfrage weiter sagte, wurde am Abend ein Säureanschlag auf einen Beamten verübt. Der Mann habe Verätzungen erlitten. Die Lage sei aber bislang nicht eskaliert.

In Dannenberg werden die Atommüll-Behälter auf Spezialtransporter umgeladen. Sie sollen von Donnerstagmorgen an auf der Straße zum etwa 20 Kilometer entfernten atomaren Zwischenlager Gorleben transportiert werden. Die Einsatzleitung hat entschieden, den Straßentransport erst bei Helligkeit fortzusetzen.

Der Bahntransport war in der Nacht zum Mittwoch mit einer spektakulären Aktion von Atomkraftgegnern bei Süschendorf zum Stehen gebracht worden. Die Blockade von vier Mitgliedern der Umweltschutzgruppe Robin Wood stellte die Polizei vor besondere Probleme. In der Mitte der etwa 50 Kilometer langen Bahnstrecke Lüneburg-Dannenberg hatten sich die Aktivisten in einem tonnenschweren Betonklotz an den Gleisen festgekettet. Für die komplizierte Räumung rückten Experten mit Spezialgeräten an. Die Deutsche Bahn prüft zivilrechtliche Schritte gegen die Aktivisten.

Demonstranten und Polizisten verletzt

Die Auseinandersetzungen zwischen gewalttätigen Castor-Gegnern und der Polizei hatten am späten Dienstagabend an Schärfe zugenommen. Insgesamt wurden 22 Polizisten verletzt. Zwei von ihnen liegen im Krankenhaus, teilte die Polizei mit. Laut Bürgerinitiative "X-tausendmal quer" wurden mindestens 20 Demonstranten verletzt.

Diskussion über das Konfliktmanagement

In den Reihen der etwa 15 000 Polizeibeamten im Wendland brach eine Diskussion über das Konfliktmanagement aus. Der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, erklärte alle Bemühungen zur so genannten Deeskalation für fehlgeschlagen. "Das ist falsch. Es hat sich im Vorfeld hervorragend bewährt", sagte dagegen der Leiter des Polizeieinsatzes, Hans Reime. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) verurteilte die Gewalttaten und drohte militanten Castor-Gegnern eine konsequente Strafverfolgung an.

An der Verladestation Dannenberg hatten bis in die Nacht zum Mittwoch rund 5 000 Castor-Gegner demonstriert, darunter nach Polizeischätzung bis zu 500 militante Autonome. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein. Insgesamt nahmen die Beamten seit dem Start des Transports am Montag im französischen La Hague bis zum Mittwochnachmittag 671 Personen in Gewahrsam und 110 fest.

Nach ihrer Ankunft in Dannenberg sollten die sechs Castor-Behälter mit 85 Tonnen Atommüll in einer etwa zehnstündigen Aktion von der Schiene auf Schwerlaster umgeladen werden. Voraussichtlich am Donnerstag beginnt mit der 20-Kilometer-Fahrt auf der Straße ins Zwischenlager Gorleben die schwierigste Etappe des Transports. Entlang dieser Strecke hatte es beim Castor-Transport vor vier Jahren die schwersten Ausschreitungen gegeben.

Bundesregierung verteidigte Vereinbarung

Die Grünen in Niedersachsen und Umweltschutzverbände verlangten ein Überdenken des Atomkonsenses. Die Bundesregierung verteidigte dagegen nochmals die Vereinbarung, die die Zahl der Atomtransporte beschränke. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte der "Los Angeles Times": "Man muss begreifen, dass die frühere Regierung mit Frankreich völkerrechtlich verbindliche Verträge eingegangen ist." Diese Verpflichtungen zur Rücknahme von Atommüll seien einzuhalten - "ob uns das gefällt oder nicht". Die-Grünen-Fraktionschefin im Landtag von Hannover, Rebecca Harms, sagte dagegen, die Hoffnung, dass es mit dem Energiekonsens eine "Befriedung" des Konfliktes um die Atomenergie geben werde, habe sich nicht erfüllt.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Peter Struck, brachte Bayern und Baden-Württemberg als mögliche Länder für ein Atom- Endlager ins Gespräch. Das neue Atomgesetz solle die Voraussetzung für die Erkundung von Endlager-Standorten in anderen Bundesländern als Niedersachsen schaffen, sagte er der "Financial Times Deutschland" (Donnerstag). "Dabei denken wir vor allem an ein Endlager in Granit-Vorkommen in Bayern und Baden-Württemberg."

Trittin rief zur Mäßigung auf

CDU und CSU verlangten von den Grünen, sich klar von Blockade-Aktionen entlang der Castor-Route zu distanzieren. Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) rief die Atomkraftgegner im ZDF zur Mäßigung auf und äußerte indirekt auch Verständnis für die Demonstrationen. "Das Recht auf zivilen Ungehorsam haben wir als Grüne zu verteidigen, auch wenn wir in die Regierung sind." Der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Karl-Heinz Däke, verlangte in der "Heilbronner Stimme" (Donnerstag), von den Demonstranten müsse der Sachschaden eingefordert werden. "Für die Steuerzahler ist die Übernahme der Kosten rein emotional nicht nachvollziehbar."

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