Lage immer bedrohlicher – Im Falle eines Irak-Kriegs neue Pleiten befürchtet
US-Fluglinien fordern neue Milliardenhilfen vom Staat

US-Fluggesellschaften fliegen mehr und mehr dem finanziellen Abgrund entgegen. Die Passagierzahlen sind weiter rückläufig, die Ölpreise steigen, die Sicherheitskosten ebenfalls. Ein Krieg im Irak könnte das endgültige aus für viele Airlines bedeuten. Heute gibt es eine Anhörung bei der US-Regierung. Thema: Weitere Staatshilfen.

WASHINGTON/ATLANTA. Es sieht mit jeder Woche schlechter aus für viele große US-Fluggesellschaften - über den Wolken und längst auch an der Börse: Der Marktwert von American Airlines rutschte in der vergangenen Woche unter die psychologisch wichtige Marke von 1 Mrd. US-$. Dabei ist American nicht irgend eine Airline, sondern seit dem Kauf der bankrotten TWA die größte Fluglinie der Welt. Die Börse sieht das anders: Sie bewertet derzeit allein die erfolgreiche Billig-Linie Southwest Airlines mit 12 Mrd. $ weit höher als alle großen US-Player zusammen - unter ihnen so prominente Namen wie American, United, Delta oder Continental Airlines.

Die Schulden und Probleme im US-Luftverkehrsmarkt sind riesig - ein Ende des Desasters ist nicht in Sicht: "Die Gefahren liegen nicht hinter uns, sie liegen vor uns", sagte Leo Mullin, Vorstandschef von Delta Air Lines, auf einer Luftfahrtkonferenz in Atlanta. Die Branche habe erwartet, dass die Kundschaft wieder zurück kommt: "Aber vor allem die Business-Kunden kommen nicht. Das ist unser Problem", so Mullin. Ein Angriff auf den Irak könnte wichtige Teilnehmer des US-Flugverkehrs vollends in die Pleite stürzen, befürchten Branchenexperten.

Die US-Fluglinien wollen deshalb am heutigen Dienstag einen Antrag auf neuerliche Unterstützung vor dem US-Kongress vorbringen. Dabei soll es nicht mehr um Finanzspritzen in Form von Bargeld gehen, wie direkt nach den Terroranschlägen des 11. September. Diesmal verlangen die Fluglinien, die Regierung solle die Kosten für Sicherheitsmaßnahmen und Versicherungspolicen übernehmen und den Gesellschaften steuerliche Erleichterungen gewähren. Der Preis ist heiß: Nach Informationen des "Wallstreet Journal" fordern die Airlines mehrere Milliarden US-Dollar an Staatshilfen.

Viele US-Fluglinien stehen schon jetzt dicht vor dem finanziellen Abgrund. Das Passagieraufkommen im Frühjahr und Sommer war eine riesige Enttäuschung. Nachdem sich die Lage einige Zeit nach den September-Anschlägen zunächst verbessert hatte, gab es im März 2002 einen erneuten Einbruch, von dem sich keine der Gesellschaften erholt hat. Auch das Flugaufkommen im Monat September, der vom Jahrestag der Terroranschläge überschattet wurde, entwickelt sich desaströs.

Insgesamt befinden sich die Einnahmen pro geflogene Meile und Sitzplatz seit einiger Zeit im Sinkflug. Diese Kennziffer ist gegenüber dem Boomjahr 2000 um 17,2 % gesunken. Die Kriegsangst schürt bei den Fluglinien zudem die Befürchtung, dass die Ölpreise weiter steigen und das Flugaufkommen noch weiter sinken könnte. Bei der heutigen Anhörung im US-Repräsentantenhaus wird erwartet, dass Branchenexperten das düsterste Bild überhaupt für die Branche zeichnen. Gordon Bethune, Vorstandschef von Continental Airlines, hat bereits vorgewarnt: "Wenn es einen Krieg gibt, ist alles vorbei für unser Business." Auch die Analysten an der Wall Street sind pessimistisch. Sie bekräftigen ihre negativen Prognosen für die gesamte Branche und sagen für 2002 Verluste voraus, die sogar noch das Rekordminus des Vorjahres übersteigen könnten. Damals türmten die Fluglinien 7,7 Mrd. $ an Verlusten auf, trotz einer Finanzspritze der US-Regierung in Höhe von 5 Mrd. $.

Philip Baggeley, Geschäftsführer der US-Ratingagentur Standard & Poor?s, der ebenfalls bei der Kongressanhörung aussagen soll, hat wenig Hoffnung auf Besserung: "Egal wo man hinschaut: Auf die internationalen Marktplätze, auf die Finanzszene, auf die Wirtschaft, die Ölpreise - alles erscheint in düsteren Farben." Branchenvertreter fordern deshalb Finanzhilfen auf mehreren Ebenen. Dazu soll eine Beihilfe für die Kriegsrisikoversicherungen gehören und auch eine Erhöhung der Haftbarkeitsobergrenze. Der Wegfall einer Sicherheitssteuer von 2,50 $ pro Passagierticket und die Streichung der bundesweiten Kraftstoffsteuer verlangen sie ebenfalls - vor allem, falls es tatsächlich zu einem Krieg gegen den Irak kommen sollte.

Der Herbst, traditionell eine schwache Periode für Fluglinien, nährt neue Befürchtungen. Zahlreiche Gesellschaften haben angekündigt, weitere Jets stillzulegen und erneut Stellen abzubauen. Dazu zählen allein 7 000 Jobs bei American Airlines. Die Nummer zwei in der Branche, United Airlines, kündigte an der Fluglinie US Airways zu folgen und ebenfalls Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Konkursrechts zu beantragen. Derzeit versucht der Star-Alliance-Partner der Lufthansa in Verhandlungen erhebliche Konzessionen bei seinem Personal durchzusetzen - bisher vergebens.

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