Lahmt der vormals dynamischste der drei „baltischen Tiger“?
Estlands Elite hofft auf Boom à la Irland

Lahmt der vormals dynamischste der drei "baltischen Tiger"? Diese bange Frage stellten sich jüngst Estlands Medien. Statt das Tempo des Wirtschaftswachstums zu forcieren, wie Lettland und Litauen es gegenwärtig vormachen, hat Estland etwas nachgelassen: Mit "nur" 4,5 % lag die Wachstumserwartung für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr im Herbst deutlich unter der Prognose vom Jahresbeginn.

TALLINN. Doch die lokale Presse hatte die Lage womöglich zu sehr dramatisiert. Neuere Analysen geben Entwarnung. 2004 werde auch im bevölkerungsärmsten Land der Region wieder mit einer Beschleunigung des Wirtschaftswachstums zu rechnen sein, versprach jüngst das Finanzministerium in Tallinn und verbereitete Optimismus. Diesen teilt auch der IWF und setzte deshalb in seiner neuesten Länder-Analyse Estlands seine BIP-Prognose für das kommende Jahr von 5,2 % auf 5,5 % herauf.

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Ohnehin wäre trotz Wachstumsverlangsamung der für das estnische Selbstverständnis recht bedeutsame Nimbus vorerst kaum gefährdet, im direkten Vergleich mit den beiden baltischen Nachbarn am weitesten fortgeschritten zu sein. Vielmehr beziffert Maris Lauri, Analyst bei Hansabank Markets, der Research-Tochter der bedeutendsten panbaltischen Bankengruppe, den entsprechenden Vorsprung Estlands zu Lettland auf aktuell 23 %, den zu Litauen sogar auf 26 %. Vor diesem Hintergrund sei es auch nach Ansicht der Baltikum-Fachleute beim IWF nur allzu verständlich, dass das Land deutlicher auf veränderte Konstellationen im Nachfrageverhalten der internationalen Märkte reagiere.

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Seinen Platz in der Weltwirtschaft hat Estland nicht zuletzt seinen ausgesprochen investorenfreundlichen Gesetzen zu verdanken, die z.B. reinvestierte Gewinne steuerfrei stellen. Bisher haben diesen Umstand besonders die sprachlich verwandten Finnen für ihre Belange zu nutzen gewusst und Estland in ausgewählten Bereichen zu ihrer "verlängerten Werkbank" ausgebaut. So lässt z.B. der finnische Elektronik Elcoteq Network Oyj, -Spezialist der unter anderem als Zulieferer von Nokia fungiert, nennenswerte Mengen seiner Produkte in zwei Tallinner Werken "lohnveredeln" und bestreitet damit mehr als ein Fünftel aller estnischen Ausfuhren.

Die Economist Group bescheinigt Estland sogar das "beste Geschäftsumfeld" unter allen mittel- und osteuropäischen Staaten. Doch trotz dieser Feststellung dürfte der Weg zum "Wohlstand für alle" noch recht lang sein. So betrug nach Erhebungen des EU-Statistikamtes Eurostat das estnische Pro-Kopf-BIP im Jahr 2002 lediglich 42 % des EU-Durchschnitts. Damit lag es noch einige Prozentpunkte unter dem Mittelwert aller in dem Vergleich berücksichtigten Beitrittskandidaten von 46 %. Dem MOE-Verantwortlichen der Economist Group, Nened Pacek, zufolge werden nach dem am 14.9.03 mit deutlicher Mehrheit bestätigten EU-Beitritt noch rund 30 Jahre vergehen, bis Estland in allen Belangen den Durchschnitt der Union erreicht haben wird. Leicht optimistischer gibt sich die Zentralbank des Landes. Konstante BIP-Zuwächse von 5 % bis 6 % p.a. könnten nach den Worten von Eesti-Pank-Analyst Kristjan Tamla bereits in 20 Jahren zum Angleichen der Lebensstandards führen.

Einigkeit besteht jedoch darüber, dass Estland von seiner Zugehörigkeit zur EU wesentlich mehr profitieren als Nachteile erleiden wird. Allein die aus Brüssel ins Haus stehenden Zuweisungen werden beachtlich ausfallen. Bereits im Beitrittsjahr 2004 rechnen die Verwalter der Staatskasse mit Unterstützungszahlungen aus europäischen Töpfen in Höhe von 5,2 Mrd. ekr (330 Mill. Euro). Bei antizipierten 46,5 Mrd. ekr (3,0 Mrd. Euro) auf der Einkommensseite des Haushaltes würden somit die verschiedenen EU-Fonds 2004 für gut 11 % des estnischen Budgets aufkommen.

Während in diesem Zusammenhang einige Politiker vor Ort bereits die Voraussetzungen dafür sehen, in Estland das "irische Wirtschaftswunder" wiederholen zu können, denkt der IWF vor allem an die möglichen Risiken eines derartigen Geldregens.

Dessen Mann für das Baltikum, Richard Haas, gab in einem Beitrag für die Wirtschaftszeitung "Äripäev" zu bedenken, dass die bei der Größe des Landes äußerst umfangreich ausfallenden Zuschüsse durchaus ein "Überhitzen" der Wirtschaft hervorrufen könnten. Um dies zu verhindern, sei es nicht allein damit getan, die EU-Gelder in Empfang zu nehmen. Um diese zielgerichtet und möglichst gefahrlos einsetzen zu können, müssten auch "sehr gute Pläne" her, so Haas.

Die für 2004 ins Haus stehende Einkommensteuerreform lässt der IWF den Esten in seiner jüngsten Länderanalyse jedoch nicht als Beispiel für einen "sehr guten Plan" durchgehen. Zumindest sei der Zeitpunkt für ein derartiges Projekt verfrüht, heißt es dort. Doch die Regierung des rechtsbürgerlichen Premiers Juhan Parts scheint sich von diesem Vorhaben nicht abbringen zu lassen, zumal es sich dabei um ein Wahlversprechen handelt.

Demnach soll 2004 der Pauschalsteuersatz für Privateinkommen von bisher 26 % auf 20 % sinken. Dies soll schrittweise erfolgen und 2006 abgeschlossen sein. Bereits die erste Reformstufe soll trotz einer Reihe durch den EU-Beitritt bedingter Anpassungen bei indirekten Steuern dazu führen, die Belastung der Einkommen durch den Fiskus auf leicht unter 35 % zu mindern.

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