Lambsdorff nennt den Sonderweg "bedauerlich"
Katholische Kirche geht Sonderweg bei Zwangsarbeiterentschädigung

vwd-afp MAINZ/BERLIN. Die katholische Kirche will für die Entschädigung früherer Zwangsarbeiter einen Sonderweg gehen und sich nicht an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft beteiligen. Insgesamt genehmigte die Deutsche Bischofskonferenz eine Zahlung von zehn Mill. DM, wie deren Vorsitzender Karl Lehmann am Dienstag in Mainz mitteilte. Davon sollen fünf Mill. DM über bestehende Einrichtungen wie die Caritas direkt an die Opfer fließen, weitere fünf Mill. DM sollen für "Versöhnungsarbeit" im Rahmen der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit genutzt werden.

Der Regierungsbeauftragte für die Entschädigungsfrage, Otto Graf Lambsdorff, nannte den Sonderweg "bedauerlich". Auch der Sprecher der Stiftungsinitiative, Wolfgang Gibowski, und der Opferanwalt Michael Witti zeigten sich enttäuscht. Lehmann begründete die Auszahlung über bestehende eigene Einrichtungen damit, dass "Fremdarbeiter" im Bereich der Kirche von der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft nicht einbezogen würden.

Der Mainzer Bischof argumentierte, das Gründungsgesetz für die Stiftung beschränke die Leistungen auf Menschen, die als Häftlinge im KZ oder anderen Lagern zu einem Arbeitseinsatz in gewerblichen Unternehmen oder im öffentlichen Bereich gezwungen worden seien. Die "Fremdarbeiter" bei der Kirche seien "ausdrücklich nicht erfasst".

Lambsdorff: Abwicklung jetzt komplizierter

Lambsdorff wies diese Argumentation zurück und sagte, bei der Kirche sei ein falscher Eindruck entstanden. Die von der Kirche beschäftigten Zwangsarbeiter würden nach seinen Angaben auch über den Fonds entschädigt. Jetzt werde die Abwicklung der Zahlungen komplizierter, da aus zwei Stellen gezahlt werde und Doppelzahlungen vermieden werden sollten. "Das muss jetzt alles kontrolliert werden." Gibowski sprach angesichts des Sonderwegs von einer "unangemessenen und kleinherzigen Reaktion" der Bischöfe.

Der Münchner Opferanwalt Michael Witti warf den katholischen Bischöfen vor, sie verließen den gesellschaftlichen Konsens, wonach die Stiftungsinitiative die geeignete Institution zur Entschädigung der früheren Zwangsarbeiter sei. Witti hält außerdem die zugesagte Entschädigungssumme für viel zu niedrig. Das sehe jeder, "der auf seinen Kirchensteuerbescheid schaut". Nach Angaben der Bischofskonferenz nimmt die katholische Kirche pro Jahr acht Mrd. DM an Kirchensteuern ein, etwa 60 bis 70 % davon werden für Personal ausgeben.

Bei dem von der Stiftungsinitiative für Dienstleistungsunternehmen vorgeschlagenen Spendenanteil für die Stiftung von einem Promille des Jahresumsatzes hätte der Anteil der Kirche damit bei acht Mill. DM gelegen. Der Stiftungsinitiative fehlt derzeit noch Geld. Insgesamt sollen zehn Mrd. DM in ihren Fonds fließen, je zur Hälfte von Bund und Wirtschaft. Die Initiative hat von seiten der Wirtschaft jedoch erst Zusagen in Höhe von 3,2 Mrd. DM einholen können.

Nach den Worten der kirchenpolitischen Sprecherin der Grünen, Christa Nickels, wäre es ein positives Zeichen gewesen, in den Fonds einzuzahlen, um zu zeigen, dass die Wirtschaft "ein bisschen angeschoben werden muss". Im Inforadio Berlin-Brandenburg nannte Nickels es jedoch sinnvoll, eigene Organisationen zu wählen, da ihrer Meinung nach die Zwangsarbeiter der Kirche nicht Zwangsarbeiter im Sinne der Stiftungsinitiative waren. Zum Ausmaß der Zwangsarbeit in der katholischen Kirche machte Lehmann keine präzisen Angaben, da die Recherchen dazu noch am Anfang stehen.

Nach seinen Angaben beschäftigte die katholische Kirche in Deutschland Zwangsarbeiter nicht "im großen Umfang" und nicht "flächendeckend". Die Zahl der von ihr beschäftigten Ausländer erreiche bezogen auf 7,6 Millionen ausländische Arbeitskräfte im August 1944 "wahrscheinlich nicht einmal die Ein-Promille-Grenze". Die evangelische Kirche hat sich im Gegensatz zur katholischen Kirche zu einer Beteiligung an der Stiftungsinitiative entschlossen. Sie will zehn Mill. DM in den Fonds einzahlen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%