Landesmedienanstalten drohen Privatsendern mit Konsequenzen
Politik verschwindet aus Fernsehprogramm

ap MÜNCHEN/DÜSSELDORF. Die privaten Fernsehsender haben Politik-Sendungen weitgehend aus dem Programm verbannt: RTL, Sat1, Pro Sieben, VOX, RTL II und Kabel 1 füllen täglich nur noch ein bis drei Prozent ihrer Sendezeit mit politischen Informationen. Wie eine am Mittwoch veröffentlichte Studie im Auftrag der Landesmedienanstalten ergab, dominieren inzwischen Unterhaltungssendungen das Programm. Die Medienwächter warnten vor einer "arlarmierenden Entwicklung".

Der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM), Norbert Schneider, drohte den Sendern in München mit Konsequenzen. Auch Privatsender müssten als Vollprogramme laut Rundfunkstaatsvertrag ein umfassendes Angebot leisten. Wenn diese zunehmend zu Spartenprogrammen mutierten, sei es denkbar, solche Sender aus dem Kabelnetz zu nehmen.



Verbrechen, Unfälle, Katastrophen, Prominenz und Erotik an der Spitze

Nach der aktuellen Studie der Potsdamer GöfaK Medienforschung, "Fernsehen in Deutschland 1998-1999", wird Information und Unterhaltung zunehmend vermengt, etwa durch Talk-Shows und Boulevardmagazine. Immer häufiger fänden sich Themen wie Verbrechen, Unfälle, Katastrophen, Prominenz und Erotik. Mit politischen Informationen füllen die privaten Vollprogramme nur noch ein bis drei Prozent ihrer Sendezeit. Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF kamen laut Studie in den Jahren 1998 bis 2000 immerhin auf einen Politik-Anteil von 17 bis 19 %.

Schneider nannte es ein "Warnsignal besonderer Art, wenn es immer mehr warme Gefühle und weniger kalte Fakten gibt". Der Vorsitzende der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM), Wolf-Dieter Ring, warnte davor, politische Themen "nur plakativ darzustellen".



Publizistische Vielfalt nimmt ab

Medienforscher Weiß sprach von einem "Marktversagen". Die publizistische Vielfalt bei den acht deutschen Fernseh-Vollprogrammen, ARD, ZDF, RTL, Sat.1, Pro Sieben, VOX, RTL II und Kabel 1, nehme ab. Die Unterhaltungsprogramme dominierten.

Insbesondere in der Hauptsendezeit zwischen 18.00 und 23.00 Uhr ist eine "fortschreitende Entpolitisierung des Programmangebots zu erkennen", sagte Weiß. Angesichts des Erfolgs der RTL II-Sendung "Big Brother" geht der Wissenschaftler davon aus, dass der Stellenwert der non-fiktionalen Unterhaltung noch größer werde.

Der "Big-Brother"-Sender RTL II kürzte laut Studie den täglichen Politikanteil besonders extrem: Er sei von 0,6 % im Jahr 1998 auf "kaum mehr darstellbare" 0,1 % in diesem Frühjahr gesunken. Ähnlich sah es bei Kabel 1 (0,7 %), Vox (0,9), Pro Sieben (1,5) und Sat1 (2,2) aus.

Der Vorsitzende der Landesanstalt für Rundfunk (LfR), Schneider, wies daraufhin, dass Vollprogramme nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hätten. Wer diese vernachlässige, könne zurückgestuft werden auf ein Spartenprogramm und die begehrten Kabelplätze verlieren, sagte Schneider.





Gemeinsame Untersuchung der Fernsehinhalte gefordert



Ring forderte die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wie ARD und ZDF, auf, sich gemeinsam mit den Landesmedienanstalten an der Analyse der Fernsehinhalte zu beteiligen. Bei der Reichweitenforschung gebe es seit Jahren ein gemeinsames System. Aber gerade im Jugendschutz sei eine gemeinsame Kontrolle sinnvoll, sagte der Vorsitzende der Gemeinsamen Stelle Jugendschutz und Programm. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten könnten es nicht bei dem Argument belassen, "das Problem haben wir nicht".



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