Landkreis Altötting
Ein Vorzeige-Standort, systematisch vernachlässigt

Mit seinen Wirtschaftsdaten übertrifft Altötting die meisten anderen deutschen Regionen. Von 1999 bis 2001 stieg die Zahl der Erwerbstätigen um 10,4 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt ist seit 1997 fast dreimal so stark gewachsen wie im übrigen Land. Die Arbeitslosenquote liegt bei nur 6,5 Prozent, zugleich werden in der Region mehr als doppelt so viele Patente angemeldet wie im Bundesdurchschnitt.

ALTÖTTING. Spätestens zwischen Polzing und Zeilhofen stellt jeder Amerikaner diese Frage: "Excuse me", wundert sich der Geschäftspartner aus Übersee, der seit einer Dreiviertelstunde auf gemütlichen Landstraßen vom Flughafen München zum größten Standort des Chemiekonzerns Wacker in Burghausen kutschiert wird - vorbei an Kornfeldern, Wäldern, Weilern mit kaum mehr als einem Hof. "Excuse me, is there no Autobahn?"

Jedes Mal schüttelt Willi Kleine, Werkleiter des Chemiekonzerns Wacker im Burghausen, den Kopf. Nein. Sorry. Es führt kein Highway in den Landkreis Altötting, nur diese zweispurige Bundesstraße. Niederding, Erding, Landersdorf, Polzing, Zeilhofen, Altötting - wenn man gut durchkommt, sind die 100 Kilometer vom Flughafen in eineinhalb Stunden zu schaffen "Holy Cow!" hat sich neulich ein Amerikaner gewundert. "This is Germany?"

Ja, aber ein ganz spezielles Stück davon. Mit dem großen Rest der Republik hat der Landkreis Altötting im bayerischen Alpenvorland wenig gemein. Mit seinen Wirtschaftsdaten übertrifft Altötting die meisten anderen deutschen Regionen. Von 1999 bis 2001 stieg die Zahl der Erwerbstätigen um 10,4 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt ist seit 1997 fast dreimal so stark gewachsen wie im übrigen Land. Die Arbeitslosenquote liegt bei nur 6,5 Prozent, zugleich werden in der Region mehr als doppelt so viele Patente angemeldet wie im Bundesdurchschnitt. Im Zukunftsatlas 2004, der Standortanalyse von Handelsblatt und Prognos für alle 439 Städte und Landkreise, schneidet Altötting weit besser ab als Ballungsräume im Norden und Nordwesten Deutschlands.

Die Region in Südost-Bayern unmittelbar an der Grenze zu Österreich ist so erfolgreich, dass es die Unternehmer vor Ort fast schon wieder ärgert. Denn ökonomisch ist der Landstrich so stark, dass die Wirtschaftspolitiker im fernen Berlin ihn oft übersehen. Seit Jahrzehnten warten sie zum Beispiel auf einen Ausbau der örtlichen Infrastruktur.

Nicht nur das Straßennetz befindet sich in beklagenswertem Zustand: Die einzige Schienenverbindung von Burghausen nach München, über die pro Jahr mit 2,3 Mill. Tonnen Fracht fast ein Prozent des deutschen Güterverkehrs rollt, ist auf dem Stand des 19. Jahrhunderts: eingleisig und nicht elektrifiziert.

"Bayrisches Chemiedreieck" hat man den Landstrich einst getauft, der sich vom Inn bis an die Salzach am Rande Österreichs erstreckt. 25 000 Menschen leben hier unmittelbar von der Chemie-Industrie, Tausende weitere Arbeitsplätze hängen indirekt von ihr ab. Die Branche ist der Jobmotor schlechthin: "Wir saugen Industrie-Arbeitnehmer an wie ein Schwamm", sagt Hans Steindl, Bürgermeister von Burghausen. In den Nachbargemeinden wird er nur "der reiche Hans" genannt, weil bei ihm stets die Kasse stimmt. Gerade einmal 388 Euro Schulden lasten auf jedem der 18 000 Burghauser Bürger - im Bundesschnitt sind es 1 100 Euro.

Zwar hat die Verwaltung des Landkreises ihren Sitz im katholischen Wallfahrtsort Altötting; der wirtschaftliche Puls aber schlägt in Burghausen. Hier sitzen die Großen der deutschen Spezialchemie: Wacker, Linde, Borealis, OMV - und sie zahlen kräftig Gewerbesteuer. Mit 10 000 Beschäftigten ist Wacker die regionale Nummer eins, die Exportquote liegt bei fast 80 Prozent.

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