Landtagswahl in Bayern
Die Stunde des Horst Seehofer

Er ist ein Meister der zweiten Chance: 1998 wurde Horst Seehofer mit Kanzler Helmut Kohl abgewählt und kam als Minister wieder. Dazwischen trat er im Kopfpauschalen-Streit als Unionsfraktionsvize zurück und robbte sich erneut nach vorne. Sogar von seiner Frau bekam der 59-Jährige eine zweite Chance. Fällt die CSU am Sonntag auf unter 50 Prozent, könnte abermals die Stunde des Stehaufmännchens schlagen.



MÜNCHEN. Horst Seehofer wirkt abgekämpft. Am Vortag hat der Agrarminister und CSU-Vize gleich neben dem Münchener Oktoberfest schon morgens das "Zentrale Landwirtschaftsfest" eröffnet. Nach einem langen politischen Tag speiste er abends noch bei Starkoch Alfons Schuhbeck mit EU-Agrarkommissarin Nelly Kroes.

Am nächsten Morgen ist er zum politischen Frühschoppen nach Ottobrunn bei München geeilt. Nun will Seehofer gerade wieder in seinen Dienst-Audi steigen, als unvermittelt eine Frau auf ihn zukommt. "Ich gehe davon aus, dass Sie nach Beckstein kommen", ruft sie ihm zu. "Das ist eine Aufforderung!" Horst Seehofer lächelt verlegen.





Gerade erst hatte er im voll besetzten Wirtshaus die Rede eines CSU-Vorsitzenden gehalten. Dass Politik heute Dienstleistung für den Menschen sei. Und dass die Begriffe "sozial" und "Marktwirtschaft" zusammengehörten. "Die New Economy ist verschwunden", rief Seehofer den Leuten zu, "aber ich bin noch da." Die CSU sei eben nicht die Partei des hemmungslosen Kapitalismus. Seine Zuhörer jubelten.

Die Parteibasis wollte den Bauarbeitersohn aus Ingolstadt eigentlich schon immer an der Spitze sehen. 2007, nach dem Sturz Edmund Stoibers, wollte sie aber den Ministerpräsidenten Günther Beckstein noch mehr. Den gab es nur mit Erwin Huber im Doppelpack. Der durch eine private Liebesaffäre geschwächte Seehofer zog damals den Kürzeren.



Jetzt aber könnte er seine zweite Chance bekommen - Seehofer ist der Meister der zweiten Chance. Er wurde 1998 mit Kanzler Helmut Kohl abgewählt und kam 2005 als Minister wieder. Zwischendrin trat er im Kopfpauschalen-Streit mit Angela Merkel und Stoiber als Unionsfraktionsvize zurück, robbte sich aber über den Vorsitz im bayerischen Sozialverband VdK wieder nach vorne. Sogar seine Frau gab Seehofer noch eine zweite Chance. Fällt die CSU am Sonntag auf 48 oder gar 47 Prozent zurück, dürfte die Stunde des Stehaufmännchens der CSU schlagen. Huber zumindest wäre dann nicht mehr zu halten.



Seehofer steht bereit, doch mit den Hufen scharrt er nicht. "Obwohl das manche glauben, wünsche ich der CSU keinen Misserfolg", versichert er immer wieder. Tatsächlich hat er sich in den Wahlkampf eingebracht wie - abgesehen von Beckstein und Huber - kein Dritter in der CSU. Seehofer legte Tausende von Kilometern im Freistaat zurück. Andere, die zur Entourage des Tandems Beckstein-Huber gehören, schlugen sich hingegen in die Büsche.

Jetzt stellen sich auch die Medien auf ihn ein. In seinem Ministerium türmen sich die Anfragen, wo und wie Seehofer am Wahlabend zu erreichen sei. Das ZDF plante vorübergehend sogar, einen Übertragungswagen vor sein Haus im Ingolstädter Stadtteil Gerolfing zu stellen: präventiv - für die mögliche Nacht der langen Messer in Bayern.





In der CSU schließt man nicht mehr aus, dass Seehofer, sollte es am Wahlabend schlimm für die Partei werden, auch Beckstein beerbt. Keiner in der CSU-Spitze ist in der Bevölkerung so beliebt wie Seehofer. Er ist die letzte Respektsperson in der CSU. Ministerpräsident wollte Seehofer zwar nie werden.

Der CSU-Vorsitzende gehört nach Berlin, hat er immer wieder gesagt - und mit dem Finger warnend auf Ex-SPD-Chef Kurt Beck gezeigt. Aber in der CSU halten viele das "Modell Doppelspitze" für gescheitert. Und Konkurrenten wie Innenminister Joachim Herrmann, Schulminister Siegfried Schneider oder Ex-Generalsekretär Markus Söder sticht Seehofer locker aus.



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