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Langer Samstag?

Nicht bei Nektarios. Der lässt um drei das Rollgitter seines kleinen Optikerladens hinunter, sichert es mit einem großen Vorhängeschloss und begibt sich ins Wochenende.

Nicht bei Nektarios. Der lässt um drei das Rollgitter seines kleinen Optikerladens hinunter, sichert es mit einem großen Vorhängeschloss und begibt sich ins Wochenende. Dabei gilt seit Juli ein neues Ladenschlussgesetz in Griechenland: samstags dürfen die Einzelhandelsgeschäfte nun bis 20.00 Uhr öffnen, montags bis freitags sogar von acht bis 21.00 Uhr. Aber nur wenige Geschäfte, vor allem Kaufhäuser und Supermärkte, machen von dieser Möglichkeit Gebrauch. Die meisten Händler blieben beim traditionellen Stundenplan: sie schließen ihre Läden mittags gegen 14.00 Uhr, halten Siesta und öffnen erneut von 17.00 bis 20.00 Uhr. Montags, mittwochs und samstags bleiben die meisten Läden nachmittags ganz geschlossen.

Von den neuen, verlängerten Öffnungszeiten versprach sich die konservative Regierung die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze im Einzelhandel, Impulse für das Wirtschaftswachstum und eine Entzerrung der Verkehrsspitzen. Bei den Gewerkschaften stieß die neue Regelung von Anfang an auf heftige Widerstände. Die Arbeitnehmerorganisationen fürchteten längere Arbeitszeiten. Aber auch die große Mehrzahl der Händler zieht nicht mit. 92 Prozent der Athener Geschäfte, so ergab jetzt eine Erhebung des Einzelhandelsverbandes, halten am alten Stundenplan fest. 87 Prozent wollen sich auch in Zukunft "auf keinen Fall" nach den neuen Öffnungszeiten richten. Nikos auch nicht. "Ich habe keine Lust, jeden Tag elf Stunden im Laden zu stehen", sagt er. Ein qualifizierter Verkäufer, der ihn ablösen könnte, würde ihn mindestens tausend Euro im Monat kosten, kalkuliert Nikos. "Das wirft mein Geschäft nicht ab.

Auch jene wenigen Geschäftsinhaber, die über Mittag geöffnet halten, sind überwiegend unzufrieden mit der neuen Regelung. "Zwischen zwei und fünf am Nachmittag ist kaum was los, wir sitzen untätig im Laden", klagt ein Elektrohändler im Athener Stadtteil Pangrati. Offenbar will also auch die Kundschaft auf die Siesta nicht verzichten. Für die großen Einzelhandelsketten dagegen hat sich die Verlängerung der Öffnungszeiten offenbar gelohnt. Und hier hat sich auch die Hoffnung auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze erfüllt. So stellte das Einrichtungshaus Ikea im nordgriechischen Thessaloniki 84 und in Athen 141 neue Mitarbeiter ein, um die längeren Geschäftszeiten abdecken zu können. Die Supermarktkette Carrefour vergrößerte ihren Mitarbeiterstab sogar um 537 Angestellte. Kuriosum am Rande: gerade gegen diese beiden Unternehmen richtete sich anfangs die Wut der Gewerkschaften. Mit Ladenbesetzungen versuchten die selbst ernannten Arbeitnehmervertreter noch im Sommer, die Verlängerung der Öffnungszeiten zu verhindern. Dass viele der neu Eingestellten der Gewerkschaft beitreten, ist deshalb wohl kaum zu erwarten.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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