Langeweile statt satter Gewinn
Der Handel am Abend bleibt unrentabel

Ein Jahr nach der Verlängerung der Handelszeit an der Frankfurter Wertpapierbörse auf 20.00 Uhr haben sich die Befürchtungen vieler Händler bestätigt: Selbst jene, die mit einer schnellen Reaktion auf die überraschend verkündeten Zinssenkungen in den USA bereits viel Geld verdient haben, sprechen von einer unwirtschaftlichen Aktion. "Das kostet die Makler und Banken mehr, als es einbringt", sagt ein Händler einer Frankfurter Privatbank.

dpa FRANKFURT/M. Bereits mehrfach habe er in den vergangenen zwölf Monaten Abende erlebt, an denen er "keinen einzigen Auftrag" abgewickelt habe. Die Deutsche Börse hält den Abendhandel hingegen für einen Erfolg. Seine Abschaffung stehe nicht zur Diskussion, sagt deren Sprecher Frank Hartmann. Seit der Aktienhandel am 2. Juni 2000 erstmals um zweieinhalb Stunden auf elf Stunden verlängert wurde, sei die Deutsche Börse der einzige Handelsplatz in Europa, der den Anlegern die Reaktion auf Entwicklungen in den USA ermögliche. Dabei seien die Kursausschläge während des trotz des deutlich geringeren Umsatzes nicht größer als in den vorangegangenen Stunden.

Es muss die Möglichkeit geben, auf die US-Börsen zu reagieren



Genutzt wird der späte Handel vor allem von Kleinanlegern, obwohl ursprünglich auch institutionelle Investoren und der Eigenhandel angesprochen werden sollten, gibt Hartmann zu. Professionelle Marktteilnehmer gingen im In- und Ausland weiterhin nach achteinhalb Stunden in den Feierabend, erklären Aktienhändler den Misserfolg. Bereits tagsüber leidet das Geschäft spürbar darunter, dass die Spekulationsblase am Neuen Markt und der US-Technologiebörse Nasdaq im März vergangenen Jahres geplatzt ist.



Bei aller Unzufriedenheit mit den umsatzlosen Abendstunden rechnet kaum jemand damit, dass die Börse eines Tages wieder um 17.30 Uhr schließt. "Natürlich wird der Abendhandel weiter gehen. Es muss ja die Möglichkeit gegeben sein, auf Amerika zu reagieren", meint Michael Rudolph, Aktienhändler der niederländischen ABN-Amro-Bank in Frankfurt. In den vergangenen zwölf Monaten hatte meist nur US-Notenbankchef Alan Greenspan das Abend-Geschäft belebt. "Wenn es nicht gerade in den USA eine überraschende Zinssenkung gibt, sind es im Regelfall keine größeren Aufträge", meint Rudolph.



Ein Händler einer Berliner Bank kann dem mauen Geschäft aber auch Positives abgewinnen: Er arbeitet die liegen gebliebene Post der vergangenen Tage auf. Und eine Händlerin in Frankfurt meint sarkastisch, es sei nicht ausgeschlossen, dass sie eines Tages ihre Bügelwäsche von zu Hause mitbringe.



Anders als von der Deutschen Börse erhofft, haben sich auch die US-amerikanischen Investoren nicht mit der Handels-Verlängerung angefreundet. Commerzbank-Chefhändler Peter Ensel berichtet, seine US-Kollegen erwarteten, dass die Orders, die am Nachmittag nicht erledigt seien, auf den kommenden Tag verschoben würden. "Es ist so, dass auf den Aufträgen explizit erwähnt wird, wenn sie bis 20.00 Uhr laufen sollen." Nur nach plötzlichen Zinssenkungen in den USA, wenn dort die Kurse der Papiere steigen, decken sie sich in Deutschland am Abend ein. "Da hat es sich rentiert", sagt Ensel. Für so genannte Arbitrage-Geschäfte habe er gemeinsam mit US-Kollegen die Kursdifferenz an den Börsen in New York und Frankfurt erfolgreich genutzt.



Aber selbst wenn der Abendhandel finanzielle Gewinne abwirft, kann das nach Ansicht des Frankfurter Aktienhändlers Rudolph einen Verlust jedenfalls nicht wettmachen: Weil er seit einem Jahr regelmäßig bis zum späten Abend im Büro sitzen müsse, habe er bald keine Freunde mehr, befürchtet der Broker.

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