Langfristige Überwachung sinnvoll
Inspektorin: Irak hat etwas zu verbergen

Irak hat nach Ansicht der früheren Uno-Waffeninspektorin Gabriele Kraatz-Wadsack offenbar Aktivitäten im Bereich biologischer Waffen zu verbergen. Dies sei offenbar der Grund, warum Iraks Präsident Saddam Hussein die Waffeninspektoren der Vereinten Nationen (Uno) seit 1998 nicht mehr ins Land lasse, sagte Kraatz-Wadsack in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag in Berlin.

Reuters BERLIN. "So wie wir das Land 1998 verlassen haben, waren viele Fragen offen." Die Behörden hätten erst nach jahrelangem Leugnen die Existenz eines Biowaffen-Programms eingeräumt und gleichzeitig betont, dass alle Waffen und Produktionsstätten zerstört worden seien. Es sei jedoch nicht klar, "ob das Programm wirklich irgendwann geendet hat". Um dies zu verifizieren, müsse der Irak die Inspektoren wieder zulassen, sagte die Biowaffen-Expertin.

Kraatz-Wadsack nahm an 26 Uno-Inspektionsreisen zum Biowaffen-Programm in den Irak teil und leitete acht davon als Chefinspekteurin. Die Mikrobiologin im Dienst der Bundeswehr arbeitet derzeit als Beraterin des Robert-Koch-Instituts in Berlin und hat zahlreiche Uno-Inspektoren ausgebildet. Die Inspektionen sind Teil der Auflagen, die der Uno-Sicherheitsrat Irak nach dem Golfkrieg von 1991 machte und die verhindern sollen, dass das Land weiterhin atomare, biologische und chemische Waffen herstellt.

Kraatz-Wadsack wollte sich nicht zu politischen Fragen äußern. Diese seien Sache des Uno-Sicherheitsrats, dessen Aufträge die Inspekteure ausführten. Die US-Regierung hat in den vergangenen Wochen ihr Ziel unterstrichen, angesichts der vom Irak ausgehenden Bedrohung einen Regimewechsel in Bagdad zu erreichen. Dagegen betonen die meisten europäischen Verbündeten der USA das Ziel neuer Waffeninspektionen, mit denen das Risiko der irakischen Waffenprogramme kontrolliert werden soll. Die Außenminister der Europäischen Union (EU) wollten am Wochenende über britische Überlegungen beraten, Saddam ein Ultimatum zur Wiederzulassung von Inspektionen zu stellen.

"Irak hat Inspektoren mehrfach behindert"

Kraatz-Wadsack verwies darauf, dass Irak vor den Inspektoren mehrfach Waffenprogramme verborgen und ihre Arbeit behindert habe. "Sie fingen an mit Verheimlichen und Täuschen", sagte sie. So habe die Führung in Bagdad statt 1991 erst 1995 die Existenz ihres Biowaffen-Programms offen gelegt und selbst dann noch Teile verheimlicht. Seither gebe es Diskrepanzen zwischen den offiziellen Angaben und Erkenntnissen der Inspektoren: So hätten die Inspektionen Belege dafür, dass der Irak mehr Milzbrand-Waffen produziert habe als angegeben.

"Natürlich ist das Handeln (der Führung in Bagdad) irreführend und soll einen falschen Eindruck erwecken", sagte sie weiter. Als Beispiel verwies sie darauf, dass Irak zuletzt Journalisten mehrere angebliche Produktionsstätten für chemische Waffen gezeigt habe: "Journalisten sind keine Waffeninspektoren. Ich glaube nicht, dass sie die Expertise haben, Raketentreibstoff, biologische oder chemische Materialien zu erkennen."

Das Spektrum des Waffenprogramms, das in den 70er-Jahren gestartet worden sei, reiche von tödlichen Mitteln bis hin zu Wirtschaftswaffen. In einigen Bereichen habe es industrielle Dimensionen erreicht. So habe Irak zugegeben, Milzbrand-Erreger, das Nervengift Botulin und weitere Biowaffen entwickelt, produziert und waffenfähig gemacht zu haben. Zudem habe er Mittel hergestellt, die zu Muskelabbau, Lungenentzündungen und anderen Erkrankungen führen. Mit Weizenbrand habe das Land sie eine Waffe entwickelt, die Getreideernten vernichte.

"Nur Inspektionen ermöglichen Kontrolle"

Kraatz-Wadsack sagte, da derzeit offen sei, ob Irak seine Waffenprogramme entgegen seinen Aussagen fortsetze oder nicht, müssten die Inspektoren wieder ins Land zurückkehren. "Das Hauptproblem ist die Abwesenheit der Inspektoren", so dass unklar sei, was Saddam seit 1998 möglicherweise an Waffen entwickelt und versteckt habe. "Der einzige Weg zur Entwaffnung und langfristiger Überwachung sind die Uno-Inspektoren."

Kraatz-Wadsack räumte zwar Grenzen des Inspektionsregimes ein, etwa bei der Weitergabe von Waffentechnologie an kleine nichtstaatliche Organisationen und Gruppen, die damit Anschläge verüben könnten. "Diese Weitergabe von Know-how kann natürlich jederzeit stattfinden", sagte sie. "Die irakischen Wissenschaftler haben definitiv die Kenntnisse und Expertise."

Für das von der Uno vorgegebene Ziel, Irak zu entwaffnen und den Aufbau industrieller Strukturen für neue Waffenprogramme seien die Inspektionen aber ein wirksames Mittel: "Natürlich kann man keine 100-prozentige Garantie geben", sagte sie. "Aber wir haben viel bessere Aufklärungsinstrumente als früher". Dazu gehörten Kameras und Sensoren. Wenn die Inspektoren den geforderten Zugang zu Produktionsstätten, Dokumenten und Verantwortlichen bekämen, könnten sie viele Täuschungsversuche aufdecken und abschreckend wirken: "Wenn man ein solides Inspektionsregime und die politische Unterstützung des Sicherheitsrats hat, ist man abschreckend."

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