„Langweiler“-Emissionen erleben ihre späte Rehabilitierung
Von Großküchen und Gummischläuchen

Als "das so ziemlich langweiligste, was einem Anleger passieren konnte", wurde damals die Aktie der Landsberger Rational AG bezeichnet. Die Geschäftsidee "Produkte und Dienstleistungen um die thermische Speisenzubereitung in Groß- und Gewerbeküchen" klang etwa so sexy wie Pichelsteiner Eintopf.

FRANKFURT/M. Inzwischen ist der Nemax 50 bei 430 Punkten, Neuemissionen gibt es keine mehr, und die Rational-Aktie wird mit Attributen wie "fokussiert", "global" und "von dominierender Marktposition" überschüttet. Diese Einsicht setzte sich inzwischen auch an der Börse durch. Immerhin gelang der Rational-Aktie in den letzten zweieinhalb Jahren ein Plus von über 30 %.

Etliche andere einst als "Langweiler" bezeichnete Emissionen haben den damaligen Überfliegern ebenfalls längst den Rang abgelaufen. Zwar konnten sich die Aktienkurse von Techem, Funkwerk, Rohwedder oder Masterflex nicht unbedingt immer erfolgreich gegen den allgemeinen Abwärtstrend stemmen. Die Zukunftsaussichten dieser Unternehmen sind jedoch bei weitem besser als die vieler einst gepriesener Werte der New Economy. Grund dafür ist in allen Fällen eine weniger starke Konjunkturabhängigkeit, die Technologieführerschaft sowie die Bearbeitung eines klar abgegrenzten Marktes.

Zwar war der Energiedienstleister Techem mit zwei Prognosesenkungen im abgelaufenen Geschäftsjahr nicht vor Rückschlägen gewappnet, die Zugehörigkeit zum MDax verschaffte jedoch bei den Anlegern einen Vertrauensvorsprung. Kündigt zudem ein Unternehmen wie Techem ein "Effizienzsteigerungsprogramm" an, schafft das bei Anlegern mehr Zuversicht, als wenn dies eine Gesellschaft des Neuen Marktes anpeilen würde. Dass Techem so im gerade angelaufenen Geschäftsjahr sogar die angestrebten 52 Mill. Euro Gewinn übertreffen könnte, lässt schnell den Spruch von der "Krise als Chance" aufkommen. "Die Aktie für den konservativen Anleger", als die Techem vor zweieinhalb Jahren gepriesen wurde, hat ihren Aktionären zwar längst nicht das gebracht, was mit der noch konservativeren Anlage auf einem gesetzlichen Sparbuch zu erzielen gewesen wäre, wer jedoch die vielen Techem-Thermostate vor sich sieht, der glaubt zwangsläufig an die Zukunft des Unternehmens.

Gleiches Spiel bei Rohwedder. "Die Aktie dürfte es schwer haben", hieß es im Vorfeld der Emission über den Automatisierungs-Spezialisten vom Bodensee. Derzeit belastet sie neben der kürzlich ausgesprochenen Gewinnwarnung einzig die Tatsache, dass sie gegenüber ihrem Ausgabepreis von 15 Euro kaum verloren hat. Schließlich ist sie damit aktuell hoch bewertet.

Dass in Garagen wesentlich mehr geschraubt wird, als Software-Schmieden in ihnen entstehen, dafür war der Masterflex ein Beispiel. Nur Anfang 2000 machte sich die Story vom hoch talentierten Software- Tüftler, der aus der heimischen Autogarage heraus die Welt erobert, besser als die Herstellung von High-Tech-Schläuchen zur Förderung von Kies, Schotter und Glas. Unzweifelhaft sind die Software-Garagen weniger geworden, und auch Masterflex haust nicht mehr dort wie zur Gründerzeit 1987. Dafür haben die Gelsenkirchener zuletzt die Dividende um 60 Prozent auf 40 Cent je Aktie angehoben, während viele Software-Garagen wohl nie die Gewinnzone erreichen werden.

Wenig Phantasie für damalige Verhältnisse bot auch die Funkwerk-Emission. Mit Kommunikationsboxen für die Deutsche Bahn und Freisprechanlagen fürs Auto wirkten die Erfurter wie einer, der sich mit Siemens und Nokia messen will, dies aber nie schaffen wird. Gerade erst hat Funkwerk jedoch erneut seine Prognosen übertroffen. Besonders das Geschäft mit der Bahn läuft prima.

Zurück zu Rational: Dort ist bei Präsentationen noch immer von Combi-Dämpfer-Geräten oder dem neuen "ClimaPlus Combi" für mehrstufige Garprozesse die Rede als von schnöder Großküchen-Technik. Die Anleger haben jedoch inzwischen verstanden.

Quelle: Handelsblatt

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