Laut Creditreform
Deutschland steuert 2003 auf Pleitenrekord zu

Im kommenden Jahr dürfte die Welle der Unternehmensinsolvenzen auf einen neuen Rekord anschwillen. Kritik gibt es derweil am neuen Insolvenzrecht.

dpa FRANKFURT/MAIN. Deutschland droht 2003 ein weiterer Pleitenrekord. "In dem konjunkturell schwierigen Fahrwasser geben immer mehr Betriebe auf", sagte der Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, Helmut Rödl, am Mittwoch in Frankfurt. Daher müssten im kommenden Jahr bis zu 42 000 Unternehmen den Gang zum Insolvenzrichter antreten, das wären zehn Prozent mehr als in diesem Jahr. Daneben sollen sich die Verbraucherpleiten mit bis zu 48 000 mehr als verdoppeln.

Rödl kritisierte das seit 1999 geltende neue Insolvenzrecht. "Es ist eher für Großpleiten wie Holzmann, Kirch oder Babcock ausgerichtet." Für die Vielzahl der kleinen und mittleren Betriebe, die Insolvenz anmelden müssen, sei es dagegen überdimensioniert. Dabei machten gerade diese den größten Part der Firmenpleiten aus. Zu wenig Unternehmen nutzten zudem die Möglichkeit der Selbstanzeige, wenn sich eine Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit abzeichne. "Je früher aber der Antrag in der Schieflage erfolgt, umso größer ist die Sanierungsfähigkeit."

In diesem Jahr werde es 16 % mehr Firmeninsolvenzen geben - die Zahl soll bis Ende des Jahres auf 37 700 zulegen. Bei den Verbrauchern rechnet Creditreform mit einem Anstieg von 70 % auf 22 900 Fälle. Insgesamt erwarte die Auskunftei 82 400 Pleiten - zwei Drittel mehr als 2001. In dieser Zahl sind auch ehemals Selbstständige und Gesellschafter eines zahlungsunfähigen Unternehmens enthalten.

Die Pleitewelle wird in diesem Jahr 590 000 (Vorjahr: 503 000) Arbeitsplätze vernichten. 2003 sollen ihr schätzungsweise 650 000 bis 680 000 Jobs zum Opfer fallen. Dagegen wurden durch Neugründungen nur 323 000 Stellen geschaffen, zwei Prozent weniger als im Vorjahr. Denn 2002 entstanden fast vier Prozent weniger Firmen.

Den durch den Pleiterekord entstehenden Schaden für die Wirtschaft bezifferte Rödl für 2002 auf 38,4 (32,3) Mrd. ?. Im nächsten Jahr soll er auf 40 Mrd. ? ansteigen. Vor allem immer mehr Händler mussten in diesem Jahr einen Insolvenzantrag stellen. Die Zunahme betrug fast ein Drittel. Den größten Anteil hatten aber Dienstleister, die von 43,2 % aller Firmenpleiten in diesem Jahr betroffen waren. Die Lage am Bau blieb kritisch. Auf 10 000 Unternehmen kamen 270 Pleiten, während es im Verarbeitenden Gewerbe nur 106 waren.

"Das Wachstumsschlusslicht Deutschland ist im europäischen Pleitenranking an der Spitze", betonte Rödl. Neben der Konjunkturflaute und der schwachen Eigenkapitalbasis im Mittelstand seien aber auch Erleichterungen des Insolvenzrechts für Verbraucher verantwortlich für den sprunghaften Anstieg. Wegen der Gesetzesänderung, zu der auch die Stundung der Verfahrenskosten gehört, hätten viele Verbraucher erst in diesem Jahr den Gang zum Richter angetreten. "Da an einigen Gerichten durch die Flut der Anträge katastrophale Zustände herrschen, wird der Antragsstau auch im nächsten Jahr die Verbraucherpleiten weiter hochschnellen lassen", erklärte Rödl.

Sorge bereitet der Auskunftei, dass der Sockel der Insolvenzfälle auch in guten Wirtschaftszeiten nicht mehr oder nur geringfügig kleiner wird. "Wir haben damit eine treppenförmige Zunahme von Konjunkturphase zu Konjunkturphase." Dadurch habe sich die Insolvenzzahl in den letzten zehn Jahren mehr als vervierfacht.

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