Lay will nun doch nicht aussagen: Enron-Debakel: Vertrauensverlust für US-Aktien

Lay will nun doch nicht aussagen
Enron-Debakel: Vertrauensverlust für US-Aktien

Das Enron-Debakel hat die US-Finanzmärkte in eine schwere Vertrauenskrise gestürzt. Aktienkurse sinken, Kredite werden teurer und Unternehmen müssen ihre Bücher überarbeiten. "Enronitis" wird die hoch ansteckende Seuche an der Wall Street genannt, von der selbst Blue Chips nicht verschont bleiben.

NEW YORK. Heute wird das Cafe Ruggles neben dem riesigen Baseballstadion Enron Field in Houston leer bleiben. Der Grund: Der große Auftritt von Kenneth Lay vor dem Untersuchungsausschuss des Kongresses wird vermutlich nur einige Minuten dauern. Der Ex-Enron-Chef will nun doch die Aussage verweigern - um sich selbst zu schützen.

Die ehemaligen Mitarbeiter des bankrotten Energiekonzerns, die sonst die Kreuzverhöre ihrer einstigen Bosse auf dem riesigen Fernsehschirm im Ruggles verfolgen, können also zu Hause bleiben. Heute werden sie nicht viel Neues über die größte Pleite der US-Geschichte erfahren.

Den Investoren auf den Finanzmärkten reicht, was sie bereits wissen. Dubiose Machenschaften des Managements, das Versagen von Wirtschaftsprüfern und Aufsichtsbehörden sowie die politischen Verwicklungen lassen offenbar nur einen Schluss zu: traue niemanden. Die Folgen sind auf den Börsenbarometern ablesbar. Seit der Enron-Pleite ist der Standard & Poor?s 500 Index um nahezu 4 % gefallen, die Technologiebörse Nasdaq verlor fast 6 %. Und das trotz des nahenden Konjunkturfrühlings.

"Wir erleben eine grundsätzliche Erosion des Vertrauens in die Wirtschaft", sagt Henry Paulson, Chef der Investmentbank Goldman Sachs in New York. Paul Volcker, ehemaliger Chef der US-Notenbank, sieht die gesamte Rechnungslegung der Unternehmen und ihre Kontrolle "in einem Zustand der Krise".

"Enronitis" wird die scheinbar hoch ansteckende Seuche an der Wall Street genannt - und selbst Blue Chips bleiben davon nicht verschont. Ob der Mischkonzern General Electric (GE), der Computerbauer IBM oder der Netzwerkausrüster Cisco - keiner scheint immun. Alle drei Aktien stehen unter Druck, seitdem Gerüchte über mangelnde Transparenz oder "aggressive Buchführung" die Runde machen.

Schlimmer noch hat es Tyco International Ltd. getroffen, ein Gemischtwarenladen, dessen bunte Produktpalette von Sicherheitssystemen bis zu Finanzdienstleistungen reicht.

Tyco verlor 30 Mrd. $ Börsenwert in drei Wochen

Der Börsenwert des Konzern sank nach Kritik an der Rechnungslegung innerhalb von drei Wochen um 25 % oder 30 Mrd. $. Die Epidemie ist inzwischen auch in Europa angekommen: das irische Pharmaunternehmen Elan verlor seit Jahresbeginn zwei Drittel seines Börsenwertes. Vorausgegangen war ein kritischer Bericht des Wall Street Journals über die Bilanzierungsmethoden des Unternehmens. "Unternehmen mit mangelnder Transparenz bekommen Probleme", sagt Michael Dell, Chef des gleichnamigen Computerbauers.

Ein Problem bekommt jedoch auch der amerikanische Kapitalmarkt. "Das Vertrauen in die Rechnungslegung der Firmen ist absolut entscheidend für das Funktionieren der Finanzmärkte", sagt Goldman-Chef Paulson. Millionen US-Amerikaner und auch Ausländer haben im Vertrauen auf die höchsten Börsenstandards der Welt ihr Geld in US-Aktien angelegt. Nirgendwo ist der Markt liquider, nirgendwo das Kapital billiger als in den USA. Nur dadurch konnte die amerikanische Wirtschaft ihre Wachstums- und Innovationskraft entfalten.

Diese einzigartige Stellung ist jetzt gefährdet. Unternehmen wie Computer Associates werden von misstrauisch gewordenen Ratingagenturen herab gestuft, müssen die Ausgabe von zinsgünstigen Unternehmensanleihen absagen und teure Bankkredite in Anspruch nehmen. Das ist Gift für das ohnehin schwache Investitionsklima.

Die Unternehmen versuchen mit allen Mitteln den Vertrauensschwund zu stoppen. Der Medienkonzern Walt Disney will künftig keine Consulting-Aufträge mehr an seine Wirtschaftsprüfer vergeben, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte Touche Tohmatsu hat aus dem gleichen Grund die Abspaltung seiner Unternehmensberatung angekündigt. "Die Marktmechanismen wirken", hält Michael Dell dem Ruf nach verstärkter Regulierung entgegen.

Für die Enron-Mitarbeiter im Cafe Ruggles ist das nur ein schwacher Trost. Sie haben ihren Arbeitsplatz und ihre Altersversorgung verloren.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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