Leben und Arbeiten in Riga
Akademischer Zufall

Die lettische Hauptstadt Riga gilt als baltisches Wunderkind. Doch sie ist nur etwas für Hartgesottene mit Durchhaltevermögen im Alltag. Hier suchte der Rechtswissenschaftler Thomas Schmitz den Wechsel. Gut für seine Universitätskarriere ist das nicht.

RIGA. Die Bewohner von Riga sieht man tagsüber nur im Laufschritt, wundert sich Professor Thomas Schmitz. Der habilitierte Rechtswissenschaftler ist DAAD-Langzeitdozent an der Juristischen Fakultät der Universität Lettlands in Riga - und fühlt sich besser integriert als viele seiner lettischen Professorenkollegen.

"Jeder, den ich in Riga kenne, hat einen Zweitjob, das gilt auch für die Professoren. Die meisten Menschen sind völlig überlastet, auch an der Uni fehlt die Kraft für fortschrittsorientierte Projekte", beobachtet der 48-Jährige. Das merke man auch am schwach ausgeprägten kulturellen und gesellschaftlichen Leben. Alle Energie werde darauf verwandt, den Lebensstandard zu halten.

Vor zwei Jahren war Schmitz reif für den Tapetenwechsel, dass es Riga wurde, war Zufall. Als er das Angebot vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst bekam, machte er sich mit Frau und zwei Kindern von Göttingen aus auf den Weg. Anschluss fanden die Neuankömmlinge vor allem bei gemischten deutsch-lettischen Familien.

"Es gab einige Überraschungen. Zuerst denkt man, Riga sei eine ultramoderne Stadt." Doch das baltische Wunderkind entpuppt sich schnell als Problemkandidat mit verbesserungsfähigen Arbeitsprozessen. "Der Reformeifer nach dem EU-Beitritt hat deutlich nachgelassen. Nach meiner Einschätzung ist das einfach Erschöpfung.

Ein Land, in dem jeder zwei Jobs hat, wird auf Dauer ausgebremst." Auch Familie Schmitz registriert das hohe Preisniveau. "Als Ausländer kann man schon ein sehr gutes Leben führen. Dennoch zahlen wir finanziell drauf, weil die Mieten recht hoch sind." Schmitz kennt viele Studenten, die zum Einkaufen nach Berlin fliegen, weil dort alles 40 Prozent billiger ist. Die Billigflieger haben für neue Mobilität gesorgt und Berlin zu einem wichtigen Bezugspunkt gemacht.

Über die Karriere macht sich Schmitz wenig Illusionen. "Im universitären Showgeschäft in Deutschland zählen heute Connections und Massenpublikationen. Die Tätigkeit im Baltikum spielt dafür keine Rolle, in Deutschland bin ich damit ein Exot." Stattdessen freut er sich in Riga über Anrufe ehemaliger lettischer Studenten, die heute in Ministerien sitzen und ihn um Rat bitten. "Da kann man schon Sinnvolles leisten."

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