Lebensmittelkette bietet Bankdienste an
Schwedens Krämer werden Banker

In den schwedischen Finanzsektor ist Bewegung gekommen. Die größten Lebensmittelketten steigen ins Bankgeschäft ein und locken mit deutlich höheren Sparzinsen als die Branchenriesen. Die müssen auf die ungeliebte Konkurrenz reagieren - und besinnen sich wieder auf das Geschäft mit den Privatkunden.

STOCKHOLM. "Darf es noch ein bisschen mehr sein?" Die Verkäuferin bei ICA, der größten Lebensmittelkette in Schweden, blickt fragend hinter ihrer Kasse hoch. "Noch eine Einzahlung auf mein Konto". In der Schlange hinter der Kundin wächst die Ungeduld, doch mittlerweile muss man in Schweden damit rechnen, dass der Einkauf ein wenig länger als üblich dauert.

Grund ist der Vormarsch der Lebensmittel-Riesen in das Bankengeschäft. Die vom niederländischen Ahold-Konzern kontrollierte ICA-Kette bietet seit Anfang des Jahres einfache Bankdienste in ihren etwa 1 650 Geschäften an. Die Nummer 2 im Lebensmittel-Bereich, die Coop-Gruppe, hat ebenfalls eine Banklizenz erhalten und wird im Herbst mit ihrer eigenen Coop-Bank starten. Zuvor hatte sich schon der Möbel-Konzern Ikea mit seiner Ikano-Bank und die Versicherungsgesellschaft Skandia mit ihrer Skandiabanken auf das Privatkundengeschäft gestürzt. Sie alle verzichten auf die traditionellen Zweigstellennetze und setzen stattdessen ganz auf das Internet oder auf ihre Lebensmittelgeschäfte.

Noch hat der Vormarsch der Branchen-Fremden nicht zu einer Umwälzung des schwedischen Finanzsektors geführt. Experten glauben jedoch, dass die Neukömmlinge den Sektor "durcheinander wirbeln" können, wie Banken-Analyst Mikael Hallåker von Handelsbanken meint.

Bisher teilen sich die vier Großen der Branche, Nordea, Handelsbanken, SEB und Föreningssparbanken, rund 80 % des Privatkundengeschäfts. Die Herausforderer holen aber auf. "Wir haben in wenigen Monaten 50 000 Kunden bekommen", sagt Bo Lagergren von der ICA-Bank. Bei rund 3,6 Mill. ICA-Kunden noch ein bescheidenes Ergebnis, allerdings will der Lebensmittel-Riese bis 2005 etwa 1 Mill. Privatkunden haben. Dann schließt ICA-Bank-Chef Lennart Kjäll auch eine Expansion auf ausländische Märkte nicht aus.

Die neuen Banken gehen mit hohen Sparzinsen auf Kundenfang. Erhält man bei den großen etablierten Banken für ein Guthaben unter 30 000 Kronen auf dem Girokonto gar keine Zinsen, lockt ICA mit 3,6 %, die Ikano Bank sogar mit 3,8 %. Bei den Branchenriesen hat ein Umdenken eingesetzt, nachdem sie in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl ihrer Zweigstellen von 3 500 auf 1 500 reduzierten. Der kleine Kunde ist wieder König. "Bankkunden sollen keinen Grund mehr haben, sich an eine dieser Nischenbanken zu wenden", proklamierte kürzlich Birgitta Johansson-Hedberg, Konzernchefin von Föreningssparbanken. Und reagierte. Ihre Bank erhöhte die Sparzinsen von fast Null auf über 3 % und kommt damit nah an die ungeliebte Konkurrenz heran.

"Es war ein strategischer Fehler der Großbanken, als sie vor ein paar Jahren ihr Zweigstellennetz ausdünnten", sagt Göran Bergendahl, Wirtschaftsprofessor an der Handelshochschule in Göteborg. "Es ist immer leichter, einen Kunden zu verlieren, als einen neuen hinzuzugewinnen."

Noch beschränkt sich das Bankgeschäft von ICA hauptsächlich auf das Spargeschäft. Die Ikano-Bank und die Skandiabanken bieten schon seit längerem alle Bankdienste außer Corporate Finance und Aktienhandel an. Die Strategen der ICA-Bank haben reagiert und locken seit vergangener Woche mit günstigen Darlehen. "Über die Fondsverwaltung denken wir auch nach", so ICA Bank-Chef Kjäll.

Der Kredit vom Krämer wird durch die Zusammenarbeit mit der staatlichen SBAB ermöglicht, die ihre Existenz dem Wunsch der Stockholmer Regierung nach mehr Konkurrenz im Hypothekengeschäft verdankt. Bisher hat das Institut einen Marktanteil von gut 7,5 %, doch die Kurve zeigt nach oben.

"Die Nischenbanken sind gekommen, um zu bleiben", glaubt Analyst Hallåker, auch wenn er nicht sieht, wie "die das große Geld verdienen wollen". Tatsächlich arbeiten ICA Bank und die anderen Herausforderer mit geringen Margen, doch vermutlich verfolgt der Lebensmittelhändler vorrangig ein anderes Ziel: Die Kundenbindung. "Darf's ein bisschen mehr sein?" Wenn damit die Sparzinsen gemeint sind, wird der Kunde glücklich sein und das Gemüse auch in Zukunft beim ICA-Händler um die Ecke kaufen.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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