Lebensmittelpreise
Zurück in die Sowjetzeit

Ob Brot, Zucker oder Milchprodukte - die Lebensmittelpreise in Russland steigen. Die Regierung handelt und friert vorübergehend die Preise für bestimmte Produkte ein. Wie der Kreml mit allen Mitteln versucht, das Bild des Wirtschaftswunders, das allen Russen zugutekommt, aufrechtzuerhalten.

MOSKAU. Russlands Ministerpräsident Wiktor Subkow traut nur den eigenen Augen: "Was? Die Lebensmittelpreise steigen? Da gehe ich doch mal nachschauen." Schnell noch das staatliche Fernsehen anrufen und raus vor die Stadt nach Balaschicha in einen kleinen Supermarkt. Dort durchstöbert der Ex-Sowchosenvorsteher vor laufenden Kameras die Regale und brummt die Verkäuferin an: "Was kostet die Milch im Einkauf? Wie viel schlagen Sie selbst drauf? Beschweren sich die Leute? Die Babuschki. Aha, die Großmütter", grummelt der Regierungschef. Verzieht keine Miene, stapft raus in den Schneeregen. Er wird handeln, schließlich sollen seine Russen im Dezember ja frohgemut ihre Stimme der Kremlpartei geben.

In den Abendnachrichten kündigt er dann an: "Wir werden die Preise für bestimmte Produkte einfrieren." Was alles in den regulierten Korb kommt, ist noch nicht ganz klar: Brot, Zucker, Kefir. Die Maßnahmen sind natürlich nur vorübergehend - vorerst bis Ende Dezember - und selbstverständlich im Rahmen einer "freiwilligen" Vereinbarung mit den großen Lebensmittelherstellern und Händlern wie auch der Metro. Widerworte dürften nicht fallen, die Anti-Monopolbehörde hat zur Sicherheit schon einmal eine Untersuchung wegen unerlaubter Preisabsprachen gestartet.

Mit allen Mitteln versucht der Kreml, das Bild des Wirtschaftswunders, das allen Russen zugutekommt, aufrechtzuerhalten. Die Reallöhne sind zwar gestiegen, doch die Mehrheit der Menschen spürt die steigenden Preise. Brot ist fast ein Viertel teurer als vor einem Jahr, Milchprodukte beinahe 17 Prozent. Die Regierung hat die Einfuhrzölle auf bestimmte Lebensmittel gesenkt und will nun den Export von Getreide teurer machen. Der Fluch des Rohstoffbooms, der enorme Geldmengen ins Land gespült und die Löhne weit stärker als die Produktivität nach oben getrieben hat, macht sich bemerkbar. Das Ziel, die Inflation auf acht Prozent zu drücken, dürfte nicht mehr erreichbar sein. Finanzminister Alexej Kudrin prophezeit bereits zweistellige Zahlen.

"Wladimir Wladimirowitsch: Warum kostet die Milch, die ich für acht Rubel pro Liter verkaufe, im Geschäft 30 Rubel?" wollte ein knorriger Landwirt von seinem Präsidenten in dessen letzter TV-Fragestunde wissen. Putins Antwort: "Es sind vor allem die lokalen Handelsmonopole, die sich unter dem Schutz der Administration bereichern." Um "das Problem" in den Griff zu bekommen, müssten "Marktmechanismen" her! Das hat er dann aber schnell wieder vergessen. Offenbar auch das Jahr 1992. Damals gab die Regierung die lange gedeckelten Preise frei, ein Erbe der gerade zerfallenen Sowjetunion. Was folgte, hat die Wirtschaft und vor allem die Menschen tief erschüttert: Hyperinflation.

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