Archiv
Legale Onlinemusikbörsen

Als besonders hip galt Stephan Stoppok noch nie. "Ich hab den neusten Trend wieder mal verpennt", besang er schon 1990 seine chronische Unkenntnis, was aktuelle Trends in der Musikszene betrifft. Heute bräuchte der Ruhrpottbarde wegen seiner Ahnungslosigkeit kein Klagelied anzustimmen.

WiWo/HANNOVER. Denn was in Sachen Musiktrend im Jahr 2002 der letzte Schrei hätte werden sollen, entpuppt sich bei näherem Hinhören bestenfalls als schwaches Hüsteln. Die ersten - einst als machtvolle Antwort der Plattenindustrie auf die illegale Internetmusiktauschbörse Napster gedachten - Onlinedienste der großen Musiklabels sind bisher eine glatte Enttäuschung. Das scheint sogar der Phonoindustrie bewusst zu sein. Die nämlich enthielt sich beim Start der ersten zahlungspflichtigen Onlinemusikdienste Anfang Januar des sonst branchenüblichen Tamtams. Offensive Werbekampagnen für die neuen Angebote sind jedenfalls Mangelware. Kein Wunder: Die Dienste sind noch unvollständig, unpraktisch und sehr teuer. Abgesehen davon gibt es Musik aus dem Internet - legal und per Abonnement - derzeit nur in Amerika, nur über DSL oder Kabelmodem und nur für Windows-PCs. Dabei scheint das Angebot auf den ersten Blick gar nicht so übel: Immerhin schicken EMI, Warner Music sowie die Tochter BMG ihr Joint Venture MusicNet ins Rennen um die Gunst der Netzgemeinde. Daneben werkelt Bertelsmann noch an einem runderneuerten Napster, der - unter Beachtung der Urheberrechte-in diesem Frühjahr wieder ans Netz gehen soll. Sony sowie Universal auf der anderen Seite bieten ihre Songs sowie die des Konkurrenten EMI unter dem Namen Pressplay an. Zahlreiche Partnerschaften mit so genannten Affiliates wie AOL, MSN, Yahoo oder MTV.com sollen den Vertrieb noch puschen. Trotz der klangvollen Namen sind die Experten vom bisherigen Ergebnis der Bemühungen wenig begeistert. "Pressplay und MusicNet befinden sich im Grunde in einem öffentlichen Betatest", sagt Mark Mooradian vom Marktforscher Jupiter Media Metrix. Kein Produkt entspreche den Wünschen der Verbraucher. "Dabei wäre die Mehrheit der Web-Nutzer bereit, rund zehn Dollar im Monat für ein Musikabo auszugeben, wenn das Angebot vollständig ist und sie die Möglichkeit haben, CDs mit ihren Lieblingssongs aufzunehmen oder sie auf mobile MP3-Player zu überspielen." Aber genau davor gruselt es den Plattenbossen. Selbst gebrannte CDs und online verbreitete MP3-Dateien, klagen sie, seien verantwortlich für Einnahmeverluste in Milliardenhöhe und zahlreiche Stellenstreichungen in der Branche (WirtschaftsWoche 33/2001). Nach Angaben des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft wurden hier zu Lande im vergangenen Jahr 190 Millionen CDs daheim gebrannt - erstmals mehr, als bespielte Silberlinge über die Ladentische gingen. Insbesondere MusicNet fährt daher einen kompromisslosen Kurs. Für 9,95 Dollar im Monat darf der Abonnent 100 Songs auf die Festplatte seines Computers herunterladen. Nicht für immer freilich: Nach 30 Tagen löschen sich die Dateien von selbst. Darüber hinaus gestattet MusicNet das Streaming - also das einmalige Hören eines Stückes - von weiteren 100 Nummern monatlich. Das Brennen der Musik auf CD sowie das Umwandeln der Download-Titel in die beliebten MP3-Dateien unterbindet die MusicNet-Software sogar gänzlich. Verglichen damit ist Konkurrent Pressplay geradezu verbraucherfreundlich. Die Firma bietet vier Abotarife zwischen 9,95 Dollar und 24,95 Dollar. Für 14,95 Dollar erhält der Kunde beispielsweise 500 Streams pro Monat, darf 50 Songs herunterladen und davon zehn auf CD brennen. Dateien, die einmal auf der Festplatte sind, bleiben erhalten, bis man sein Abonnement kündigt. Der Haken: Pro Monat darf der Kunde nur zwei Lieder desselben Interpreten auf CD brennen. Dabei offerieren MusicNet und Pressplay im Netz sowieso nur einen Bruchteil ihres Titelrepertoires. Anfang Februar etwa waren weder die Rolling Stones noch die Beatles legal erhältlich. Dabei sind die Platten beider Bands bei EMI erschienen, dem einzigen Konzern, der mit MusicNet und mit Pressplay Verträge geschlossen hat. Hinzu kommt die immer noch nicht geklärte Frage der so genannten Cross-Lizenzierung. Dabei überlassen Sony und Universal ihre Kataloge der Konkurrenz von MusicNet, und Pressplay bekommt im Gegenzug Zugriff auf die Titel der Künstler von Warner und BMG. Derzeit nämlich müssten Fans von Britney Spears und Destiny's Child bei beiden Diensten Abogebühren abdrücken, um an die Hits ihrer Lieblinge zu gelangen. Doch so viel Geld will kaum jemand ausgeben. Immerhin: "Im Bereich der Lizenzen allerdings bewegt sich im Moment sehr viel", berichtet Jupiter-Analyst Mooradian. Die Zeit drängt, denn während die Branchengrößen weiter miteinander ringen, sind Napsters illegale Erben längst erfolgreicher, als es das Original je war. Allein das Tauschnetzwerk FastTrack wurde nach Angaben des Branchendienstes Webnoize im November 2001 von durchschnittlich 1,57 Millionen Internetsurfern gleichzeitig genutzt. Ein Wert, den Napster selbst zu seinen Hochzeiten nicht erreichte. Zwar gehen die Musikkonzerne mittlerweile auch gegen FastTrack gerichtlich vor. Doch können sie den MP3-Tausch via Internet nicht mehr aufhalten, selbst wenn sie die Firma in den Ruin klagen. Denn - anders als der alte Napster, dessen Datentausch über zentrale Verteilrechner im Web ablief; und stillstand, als die Tauschbörse nach dem Richterspruch ihre Rechner dichtmachte - kann das FastTrack-Netzwerk auf Grund seiner dezentralen Struktur im Prinzip bis in alle Ewigkeit existieren. Vorausgesetzt nur, dass es genug Enthusiasten gibt, die sich am Dateitausch mit der FastTrack-Software beteiligen. Das dämmert auch den etablierten Musikanbietern. "Es wird immer Leute geben, die Musik illegal übers Internet vertreiben", zeigt sich RioPort-Chef Jim Long realistisch. "Aber wir können sie marginalisieren", so seine Hoffnung. Long: "Einfache Handhabung, Zuverlässigkeit und exklusive Inhalte werden die Masse der Verbraucher zu den legalen Anbietern locken." In diesem Jahr aber wird das wohl nichts mehr. Die Marktforscher von Jupiter jedenfalls glauben nicht, dass sich vor 2003 eine nennenswerte Zahl von Abonnenten findet. Dazu seien die Angebote noch nicht ausgereift genug. Und bevor sie nicht in den USA mindestens eine Million Nutzer erreicht haben, wollen MusicNet und Pressplay in Deutschland gar nicht erst an den Start gehen. Wann könnte es so weit sein? "Weihnachten 2003", schätzt Pressplay-Chef Andy Schuon. Genug Zeit also für Stephan Stoppok, auch diesen Trend noch ein Weilchen zu verpennen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%