Leichatlhetik-WM in Paris
„Wir müssen die Erwartungen dämpfen“

Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, spricht über die WM-Mannschaft, die Hoffnungen auf Medaillen und über die Zukunft der Leichtathletik in Deutschland.

Frage: Mit 64 Sportlerinnen und Sportler stellt der DLV eine relativ kleine Mannschaft für die WM. Haben Sie auch ihre Ansprüche minimiert?

Prokop: "Unsere Mannschaft hat schon etwa die traditionelle Größe. Durch verletzungsbedingte Ausfälle gehen wir aber nicht mit der stärksten Mannschaft an den Start. Deshalb müssen wir von vornherein die Erwartungen etwas dämpfen."

Gemessen am Medaillenspiegel lag der DLV vor zwei Jahren in Edmonton auf dem fünften, bei der Verteilung der Endkampf-Plätze auf dem dritten Rang. Ist dieses Ziel überhaupt noch realistisch?

"Wir streben wieder einen Platz unter den drei erfolgreichsten Nationen an, was die Ränge eins bis acht angeht. Und wir hoffen auf fünf bis acht Medaillen. Es gibt dieses Mal allerdings keinen deutscher Teilnehmer, der als Gold-Kandidat gilt."

Wie können die Ausfälle von Nils Schumann, Heike Drechsler, Martin Buß und Charles Friedek abgefangen werden?

"Wir hoffen bei dem einen oder anderen jüngeren Athleten auf einen Ausrutscher nach oben. Außerdem können wir wie in den vergangenen Jahren auf unsere starke Werfer bauen. Und auch im Stabhochsprung der Frauen und Männer sind wir gut besetzt."

In der aktuellen Weltbestenliste liegen nur Kumbernuss, Nerius, Riedel und Geher Andreas Erm unter den ersten Drei. Haben die deutschen Leichtathleten international an Boden verloren?

"Man muss einfach die Entwicklung in der olympischen Kernsportart sehen: Die Leichtathletik wird immer kommerzieller, die Gewinnmöglichkeiten werden immer größer. Für viele Länder - vor allem in Osteuropa und Afrika - bedeutet dies eine enorme Anschubwirkung. In Deutschland ist es aber so, dass es für junge Menschen auch reizvolle berufliche Alternativen gibt."

Die Leichtathletik hat in der Öffentlichkeit und im Konkurrenzkampf mit anderen Sportarten in den letzten Monaten nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Warum konnte die EM im vergangenen Jahr im eigenen Lande nicht besser genutzt werden?

"Ich hatte bereits in München davor gewarnt, so ein singuläres Ereignis zu überschätzen. Die EM konnte unsere Probleme nicht lösen. Wir haben einen Generationswechsel, das ist ganz schwierig. Wir haben Probleme, unseren erfolgreichen Nachwuchs an die Aktiven heranzuführen. Und: Es muss uns noch mehr gelingen, die Leichtathletik in der Öffentlichkeit zu personifizieren. Dies ist uns mit Ingo Schultz teilweise gelungen, aber die Formel 1 hat die Schumachers, Schwimmen Hannah Stockbauer und Franziska van Almsick, der Radsport Jan Ullrich. Da müssen wir uns im Herbst strategische Lösungen überlegen."

Fehlen Ihnen auch die Typen?

"Es mangelt zumindest nicht an erfolgreichen Sportlern, wie man zum Beispiel am fünffachen Diskus-Weltmeister Lars Riedel sieht. Stabhochspringer Tim Lobinger ist sicher einer, der Wellen schlägt - egal, wie man inhaltlich zu seinen Äußerungen steht. Ja, vielleicht bräuchten wir mehr solche Typen."

Beim Kongress des Weltverbandes IAAF im Vorfeld der WM werden wichtige Entscheidungen getroffen. Wie kann der DLV seinen sportpolitischen Einfluss verstärken?

"Zunächst einmal gehe ich davon aus, dass Helmut Digel Vizepräsident bleibt. Wir haben zudem den Antrag gestellt, dass im Council künftig mindestens drei Frauen sitzen. In informellen Gesprächen wollen wir mehr Transparenz bei Dopingkontrollen erreichen: In welchem Land wird wie oft kontrolliert und wie sind die Ergebnisse? Es gibt zwar Regeln, aber wir wissen zu wenig darüber, wie sie eingehalten werden."

Und wie sehen Ihre Ambitionen aus?

"Aus der IAAF-Rechtskommission bin ich Anfang des Jahres wegen Arbeitsüberlastung ausgetreten. Bei der Anti-Doping-Kommission sieht es so aus: Es gibt Pläne, diese aufzulösen und in das Medizinische Komitee überzuführen. Dies würde ich für eine sehr unglückliche Entscheidung halten. In diesem Fall stünde ich auch nicht mehr zur Verfügung."

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