Leichte Konjunkturdelle
US-Wirtschaft schaltet einen Gang zurück

Das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft hat sich im zweiten Quartal abgeschwächt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg nur noch mit einer Jahresrate von drei Prozent nach einem Zuwachs von 4,5 Prozent in den ersten drei Monaten 2004.

HB NEW YORK. "Wir gehen davon aus, dass es sich nur um eine Verschnaufpause handelt und rechnen im zweiten Halbjahr mit einem Plus von mehr als vier Prozent", kommentierte Drew Matus, Ökonom bei der Investmentbank Lehman Brothers in New York, den Schwächeanfall. Auch Notenbank-Chef Alan Greenspan hat die Wachstumsschwäche kürzlich als vorübergehend bezeichnet.

Die Finanzmärkte reagierten dennoch empfindlich auf die BIP-Zahlen. Aktienmarkt und Dollar verloren an Boden, die Anleihen legten hingegen zu. Das BIP ist der umfassendste Begriff für die in einer Wirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen. Anders als in Europa rechnen die Amerikaner die aktuellen Wachstumsraten auf das Jahr hoch anstatt sie durch einen Vergleich mit den Vorjahreszahlen zu ermitteln. Nach europäischer Rechnung beträgt das Plus im zweiten Quartal 4,8 %.

Die leichte Wachstumsdelle dürfte im Präsidentschaftswahlkampf dem demokratischen Herausforderer John Kerry nutzen, der den Zustand der US-Wirtschaft weitaus weniger rosig sieht als Präsident George W. Bush . Allerdings könnte die Konjunktur noch vor den Wahlen im November wieder anziehen.

Gestützt wird diese Aussicht von den jüngsten Zahlen über den Konsum und aus der Industrie. So verbesserte sich nach Angaben der Universität Michigan das Konsumklima im Juli von 96 auf 96,7 Punkten. Im gleichen Zeitraum legt auch der Einkaufsmanagerindex in Chicago um fast acht Punkte auf nunmehr 64,7 Punkte zu. Werte über 50 Punkte signalisieren eine wachsende Wirtschaft.

"Insbesondere die Unternehmen investieren kräftig", sagte Peter Hooper, Chefökonom bei der Deutschen Bank in New York. Hoon führt die leichte Delle in der Konjunktur vor allem darauf zurück, dass den Amerikanern das Geld nicht mehr so leicht aus der Hand geht. "Die hohen Energiepreise haben die Konsumfreude im Frühsommer spürbar gedämpft", sagte Hooper. Bei Benzinpreisen von mehr als zwei Dollar für eine Gallone (3,78 Liter) treten viele Amerikaner auf die Ausgabenbremse. So stieg der private Verbrauch, der etwa 70 Prozent des BIP generiert, zwischen April und Juni nur noch um ein Prozent. Einzelhändler wie die Möbelkette Ethan Allen meldeten Ende Juni zweistellige Umsatzrückgänge.

Die leichte Konjunkturdelle kommt nicht ganz unerwartet. Zahlreiche Indikatoren hatten in den vergangenen Wochen darauf hingedeutet, dass die US-Wirtschaft ihr Tempo aus dem ersten Quartal nicht halten kann. Einzelhandelsumsätze und Autoverkäufe gingen im Juni zurück, die Industrieproduktion sank erstmals seit März wieder. Auch auf dem Arbeitsmarkt kam der Aufschwung ins Stottern: Nur 112 000 neue Stellen wurden geschaffen. "Wir erwarten im Juli eine deutliche Verbesserung und rechnen mit einem Anstieg der Beschäftigung von 300 000", sagte Jan Hatzius, Ökonom bei der Investmentbank Goldman Sachs in New York. Die neuen Arbeitsmarktzahlen werden am Freitag veröffentlicht.

Im zweiten Halbjahr wird das Wirtschaftswachstum nach der Prognose von Goldman wieder auf 3,5 Prozent anziehen, bevor es dann 2005 auf einen moderaten Pfad von drei Prozent zurückgehen werde. "Einen Konjunktureinbruch erwarten wir jedoch nicht", sagt Hatzius, "das wird schon die koordinierte Erholung der Weltwirtschaft verhindern." Dennoch ist die weitere Entwicklung nicht ohne Risiken. Ökonom Hooper warnt vor allem vor anhaltend hohen Energiepreisen, die den privaten Verbrauch weiter dämpfen könnten.

Problemzonen

  • Energiepreise: Anhaltend hohe Energiepreise könnten das Wachstum der US-Wirtschaft auch in den kommenden Monaten schmälern. Sie verringern das verfügbare Einkommen der Verbraucher und können - wenn sie dauerhaft sind - zu einem Preisschub führen.
  • Inflation: Zwar befindet sich die Kerninflation noch unterhalb von zwei Prozent. Experten erwarten jedoch, dass die Preise bei wieder steigendem Wachstum in den kommenden Monaten kräftig anziehen werden.
  • Zinsen: Bereits jetzt haben die Amerikaner in Erwartung höherer Kreditkosten teure Anschaffungen zurückgestellt. Sollte die Inflation in den USA ein Comeback feiern, müsste die Notenbank ihre Zügel kräftig anziehen. Zinssensible Ausgaben für Autos und Häuser gingen dann weiter zurück.
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