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"Leider hat unsere Maschine derzeit keine Piloten"

"Ladies and gentlemen, mein Name ist Joe. Bitte nehmen Sie sofort alle Metall-Gegenstaende aus Ihrem Handgepaeck!" Mit knarrender Stimme und haemmernden Armbewegungen untermalt der Beamte der Flugsicherheit seine Order.

"Ladies and gentlemen, mein Name ist Joe. Bitte nehmen Sie sofort alle Metall-Gegenstaende aus Ihrem Handgepaeck!" Mit knarrender Stimme und haemmernden Armbewegungen untermalt der Beamte der Flugsicherheit seine Order. Gleichzeitig rauschen Fotos mit Nagelscheren, Messern und Pistolen ueber Riesen-Bildschirme - allesamt mit einem grellroten Kreis durchgestrichen. Die Passagiere am Dulles International Airport in Washington durchstoebern blitzschnell ihre Taschen und legen Handys, Kugelschreiber, Schluessel sowie Schuhe in die kleinen Plastikbehaelter. Die meisten haben ihr "Ja- nicht-unangenehm-auffallen-Gesicht" aufgesetzt.

Die Kontrollen an US-Fughaefen haben sich zu einem ehernen Ritual verselbstaendigt. Keiner scheint sich mehr zu erinnern, wie es vor dem 11. September 2001 war. "Sicherheit" wird zum universalen Mantra, der Osama-Faktor hat sich tief in das Alltagsleben der Amerikaner eingegraben.

Geblieben sind jedoch die Pannen, die im knallharten Wettbewerb der Fluglinien entstehen. Als wir alle Kontroll-Huerden ueberwunden haben und schliesslich in der United-Airlines-Maschine nach Mexiko-City sitzen, meldet sich Stewardess Mary: "Ladies und Gentlemen, leider muessen wir noch auf unsere Piloten warten. Die Besatzung ist kurzfristig auf eine Maschine nach Baltimore berufen worden. Wir hoffen, dass sie bald zurueck ist." In der ersten Klasse wird Champagner als Stimmungs-Aufheller ausgeschenkt. Die Passagiere der Holzklasse schwitzen frustriert vor sich hin, - die Klima-Anlage streikt. United Airlines scheint beim Personal knapp zu kalkulieren, die Finanz-Reserven sind schliesslich duenn.

Mit knapp zwei Stunden Verspaetung geht es dann nach Mexico-City. Doch nach der Landung begruesst uns ein neues Chaos. Die Strassen der 20-Milionen-Metropole sind verstopft: Im Stadtzentrum demonstrieren Hunderttausende gegen die Aufhebung der Immunitaet des populaeren Buergermeisters Lopez Obrador - seine Verwaltung hatte eine Strasse durch ein Privatgrundstueck bauen lassen. Doch die Anhaenger des linken Politikers vermuten eine politische Kampagne: Lopez Obrador ist einer der Top-Favoriten fuer die mexikanische Praesidentschaftswahl 2006.

Wir wuehlen uns durch die Masse der Demonstranten und schaffen es schliesslich in ein Cafe an der Avenida Reforma. Um uns herum sitzen lauter Anhaenger von Lopez Obrador mit ihren gelben Flaggen und schluerfen ihren Fruehstuecks-Kaffee. In der Mitte steht ein Fernseher und zeigt eine Messe mit Papst Benedikt XVI. Mit ruhigen Armbewegungen und stillem Laecheln thront der ehemalige Kardinal Ratzinger ueber der linken Protest-Gemeinde.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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