Leipzig gelingt Überraschung
Westen wählt Osten

Mit Leipzig und dem Segelstandort Rostock feierten die Ostbewerber einen kaum für möglich gehaltenen Doppelerfolg. Über die weiteren Chancen streiten die Gelehrten.

MÜNCHEN. Bewerberstadt Leipzig - Janet Pilz" stand auf der Akkreditierungskarte, die sich der frühere Bundespräsident umgehängt hatte. Richard von Weizsäcker verfügte offenbar über keine eigene Zugangsberechtigung zum Ballsaal des Hilton Park-Hotels. Dennoch hatte er im Moment des Triumphs, als bei den meisten Leipzigern die Glückshormone noch im Überfluss unterwegs waren, bereits Grundsätzliches über das Internationale Olympische Komitee zu sagen. "Das IOC", appellierte von Weizsäcker mit ruhiger Stimme, "darf sich nicht nur vom Einfluss geldstarker US-Medienkonzerne beeinflussen lassen."

Der Unterstützer der sächsischen Olympia-Interessenten, der morgen 83 Jahre alt wird, gehörte zu jenen, die nach dem Überraschungscoup des Ost-Kandidaten prompt Sorgen um die internationale Vermittelbarkeit der Stadt verspürten. Wenn auch nur indirekt. Sein Hinweis auf die US-Fernsehsender aber erinnerte daran, dass Leipzig schon bei der IOC-Vorauswahl 2004 aus vielen Gründen im Vergleich mit New York und anderen Weltstädten ganz, ganz klein wirken wird.

Das IOC-Langzeitmitglied Walther Tröger macht sich um die US-Konkurrenz freilich weniger Sorgen. "Die Nordamerikaner besitzen im Moment keine guten Karten. Wegen der weltpolitischen Situation, und weil sie schon zu viele Olympischen Spiele hatten", sprach er Leipzig Mut zu. Außerdem wähle das IOC quasi ein Land und weniger eine Stadt. "Und daher hat Deutschland sehr gute Chancen."

Tröger dürfte ebenso wie manch anderer aus den Reihen der Wahlberechtigten insgeheim froh gewesen sein, dass sich nicht die angeblich so umtriebigen Düsseldorfer durchsetzten. Die schieden nach Stuttgart und Frankfurt als Dritte aus, im finalen Duell mit Leipzig scheiterte Hamburg. Die Hanseaten und Rheinländer hatten sich zuvor gegenseitig unlautere Aktivitäten vorgeworfen und gönnten sich auch beim Showdown in München nicht das Schwarze unter den Nägeln. Als für die Düsseldorfer das Aus perfekt war, wanderten im nächsten Durchgang deren Wähler zum Großteil ins Leipziger Lager (siehe Tabelle). Der Westen wählte den Osten, denn das NOK ist kaum mit ostdeutschen Mitgliedern bestückt.

Für die Rhein-Ruhr-Region waren 17 Stimmen im ersten Wahlgang angesichts der eigenen Erwartungen ein verheerendes Resultat. Die Enttäuschung darüber war später deutlich spürbar. "Das NOK wollte offenbar eine ostdeutsche Stadt. Weil wir im Westen liegen, hatten wir keine Chance", interpretierte der in Nordrhein-Westfalen für den Sport verantwortliche Minister Michael Vesper. Er wünsche den Leipzigern "jeden Erfolg, aber sie haben noch hohe Hürden zu nehmen". So formulieren Politiker, wenn sie sagen wollen, dass Leipzig international chancenlos sein dürfte. Verlierer Vesper erhielt schließlich Trost vom Innenminister. "Mein Beileid", sagte Otto Schily.

Michael Groß, Schwimm-Olympiasieger und NOK-Mitglied, geriet dagegen angesichts der unerwarteten Leipziger Wahl geradezu ins Schwärmen: "Ich bin angenehm überrascht. Mit dieser mutigen Entscheidung ergeben sich Zukunftsmöglichkeiten, von denen wir heute noch gar nichts ahnen." Das hörte Burkhard Jung, Leipzigs Olympiabeauftragter, gern und setzte noch einen drauf. "Die NOK-Mitglieder wissen, dass Leipzig international eine Riesennummer ist. Fragen Sie den Sportfunktionär aus Mexiko: Der kennt Leipzig, weil er dort auf der Deutschen Hochschule für Körperkultur studiert hat." Etwa die Hälfte der IOC-Mitglieder, so schätzte Walther Tröger, würden die DHfK kennen. Ein Anfang, mehr nicht.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch, unterlegen mit Frankfurt, verwies derweil auf die politische Komponente der Wahl: "Wir haben über 40 Jahre an den Westen gedacht, warum sollen wir jetzt nicht einmal an den Osten denken?" Am Abend zuvor war Koch noch von einem Journalisten auf den Arm genommen worden: "Sagen Sie mal, Herr Koch. Ich dachte, der Kanzler kommt erst morgen." Es war kein gutes Wochenende für Koch.

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