"Leipzig liegt und zuerst in Deutschland - und dann immer bergab"
Her mit den Ringen

Am Dienstag bewirbt sich Leipzig offiziell für Olympia 2012. Unkundige schütteln den Kopf: Die Spiele in Sachsen? Undenkbar. Kabarettistin Simone Solga aber weiß: Es kann nur eine Olympiastadt geben!

"Olympia Leipzig!!! Ich weiß ja nicht, wie das in Deutschland ankam, aber bei uns in Sachsen waren alle völlig aus dem Häuschen vor Freude. Hat ja im Osten keiner mehr geglaubt, dass man mit einer Bewerbung auch Erfolg haben kann! Außerdem können Sie mal sehen, wie fortschrittlich die Ostprovinzen denken: Olympia 2012! In Berlin dachte man nur bis Agenda 2010.

In der Vergangenheit gab es nichts, worum sich Leipzig nicht beworben hätte. Aber das Oktoberfest ging dank des konservativen Parteienfilzes nach München. Nicht einer der berühmten Rosenmontagszüge wollte den Standort wechseln. Die Funkausstellung sitzt in Berlin so fest wie der Mauerschwamm, und die Kieler Woche will aus angeblich "historischen und geographischen Gründen" nicht den Austragungsort wechseln - nichts als Ausflüchte und Ausreden.

Nun gut: "Wetten dass..." war mal da, aber das sollte eigentlich nach Dresden, da hatte sich nur das Team verfahren. Und dann die große Chance: Die Olympischen Spiele!

"2012? Das sieht gut aus, da können wir", meinten die Stadtherren nach einem Blick in den Terminkalender und setzten sofort ein Bewerbungsschreiben auf:

"Sehr geehrtes Olympisches Komitee, mit großem Interesse haben wir Ihre Anzeige mit der ausgeschriebenen Stelle gelesen und interessieren uns sehr für diese Tätigkeit. Seit nunmehr zehn Jahrhunderten sind wir erfahren in klassischen Extremsportarten wie "Kartoffeln- aus-dem-Feuer- holen", "In-den-sauren-Apfel-beißen", "Zähneknirschen" und "Einarmiges Steuerhinterziehen".

Unseren Werdegang entnehmen Sie bitte dem beigefügten, 280-seitigen, illustrierten Lebenslauf , Zeugnissen aus zehn Jahrhunderten und dem Gästebuch der Stadt. Das polizeiliche Führungszeugnis ist leider lückenhaft, da einige Unterlagen noch nicht ausgewertet sind. Zahlreiche Zeugen können jedoch bestätigen, dass wir vorbildlich am öffentlichen Straßen- und Parteileben teilgenommen haben.

Wir hoffen, bald von Ihnen zu hören und verbleiben mit freundlichen Grüßen (auch an die Frauen Gemahlinnen) als

Ihre Olympiastadt-Leipzig.

P.S.:Falls es mit den Olympischen Spielen nichts wird - wir haben auch eine sehr schöne Minigolfanlage!"

Damit bis 2012 auch alles fertig wird, werden jetzt nicht nur die Sportler sondern auch unsere Bauarbeiter gedopt. Wir haben sogar schon den Ort festgelegt, an dem die restlichen Eintrittskarten für die olympischen Wettbewerbe an die Gäste aus aller Welt verteilt werden: das Völkerschlachtdenkmal.

Apropos Völkerschlacht: Stuttgart, Frankfurt und Düsseldorf haben wir schon im Vorfeld weggebissen, und Hamburgs hanseatische Hochnäsigkeit ist der Leipziger Lässig- und Liebenswürdigkeit eh nicht gewachsen: Jetzt geht?s also gegen die Rivalen New York, Madrid, Havanna, Moskau, Paris, London, Sao Paulo und Istanbul.

Zugegeben: Von der einen oder anderen Stadt hat man schon mal gehört. Sie haben alle einen gewissen Ruf in der Qualität ihrer U-Bahnen, Stierkämpfe, Zigarren, Kartoffelschnäpse, Vergnügungsviertel, Königshäuser oder Samba Partys.

Aber ist das eine Qualifikation? Hat auch nur in einem dieser kulturellen Ballungszentren Martin Luther am Pfingstsonntag in der Kirche gepredigt? Na bitte!

Brasilien zum Beispiel: wunderschöne Strände zum Sonnenbaden. Aber bei Olympia soll man laufen und nicht faul in der Sonne rumliegen. Wenn man Leipzigs Strände am Tagebaurestloch sieht, kommt man automatisch ins Rennen. Unser Oberbürgermeister heißt zudem Tiefensee - damit wäre auch der Wassersport gesichert. Und wir haben sogar zwei Rathäuser: ein neues und ein altes. Das Alte wird gezeigt, und im Neuen wird gearbeitet.

Als Olympiabotschafterin, las ich, möchte man Kati Witt haben. Zitat: "Wir suchen einen olympischen Franz Beckenbauer. Eine Figur, die Charisma hat, Ausstrahlung und glanzvolles Auftreten." Mensch Kati, du sitzt auf meiner Planstelle. Du "schönstes Gesicht des Sozialismus", du alte Paarhuferin! Soweit ich weiß, wohnst du doch eigentlich in Amerika. Als erste Übung solltest du den Amis erklären, wo Leipzig eigentlich liegt: Zuerst nach Deutschland, dann immer bergab - da ist man schon mal in den neuen Ländern. Da, wo von den Eingeborenen die Optimistischsten auf einen Haufen zusammengewürfelt sind - da ist Leipzig. Also gleich hinter Markleeberg aber noch vor Taucha.

Leipzig ist Boomtown. Oder wie wir Sachsen sagen: Boomstadt. Hat also ganz viele Bäume. Das Symbol der Leipziger Messe sind zwei "M" - also sogar zweimal McDonald?s übereinander. Und das "Gewandhaus" ist viel schöner als eine Filiale von Calvin Klein.

Nun, liebe Brigadeführer: Habt ein Einsehen und macht der goldigen Stadt zwischen Parthe und Pleiße die Freude zum Geburtstag. Denn tausend Jahre vor dem großen Ereignis, im Jahre 1012, wurde Leipzig zum ersten Mal erwähnt. Und zwar bei Weitem nicht so beiläufig wie oftmals heutzutage.

Schenkt der Stadt das sportliche "Sächsische Allerlei" zum Anlocken von Rumtreibern aller Art. Damit die Stadtväter die Ringe endlich vor und nicht mehr unter ihren Augen haben.

P.S.: Leipzig ist jetzt schon der Gewinner. Selbst wenn Moskau den Zuschlag erhält - Leipzig kann immer noch Olympisches Dorf werden.

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