Leipzig und die Giganten
"Noch nie so viele qualifizierte Bewerber"

New York war zuerst da, dann kam Madrid, am Donnerstag London, in der kommenden Woche verkündet Paris seine Kandidatur, auch Moskau wird erwartet und dazu Rio de Janeiro oder Sao Paulo.

HB/dpa DÜSSELDORF/MADRID. "Wohl nie zuvor haben wir eine so große Zahl qualifizierter Bewerber gehabt", sagt IOC-Präsident Jacques Rogge. Sein deutscher Stellvertreter Thomas Bach meint, "noch nie war es so schwer, Olympische Spiele zu bekommen". Wer da beim Madrider Weltgipfel der Sportfunktionäre nach den Chancen von Leipzig für die Spiele 2012 fragt, erntet zuweilen mitleidige Blicke. Aber es gibt auch Zustimmung und Ermunterung.

Dieser Dialog ist keine Ausnahme. "Hat Sie die deutsche Nominierung überrascht?" "Ein bisschen schon." "Hat Leipzig eine Chance?" "Warum nicht? Aber bitte verstehen Sie, ich kann das nicht kommentieren. Auch kleine Städte sollten die Möglichkeit haben, sich zu bewerben. Ich erinnere an Lille oder Sevilla." Der so antwortet, ist Rad-Präsident Hein Verbruggen. Lille und Sevilla stehen für besonders drastisch gescheiterte Kandidaturen.

Die Gespräche laufen in Madrid, wo sich die IOC-Spitze mit den Präsidenten der internationalen Verbände trifft, auf zwei Ebenen. Wenn man Klaus Schormann glauben schenken kann, dann ist ihm intern von vielen seiner Kollegen ein "großes Bedauern" entgegen geschlagen. "Sie können nicht verstehen, dass eine so große Sportnation ihre Chancen schon durch die nationale Auswahl verspielt." Dies sei der Tenor, berichtet der deutsche Präsident des Internationalen Verbandes für Modernen Fünfkampf.

Auf der Ebene von Interviews klingt die Aussage "Warum ausgerechnet Leipzig" auch immer wieder durch. Aber es gibt jenseits von Diplomatie-Antworten Zwischentöne und auch Zuspruch. Zu den Mutmachern gehört ganz sicher nicht das ungarische IOC-Mitglied Tamas Ajan mit seinem unter Lächeln ausgesprochenen Satz: "Leipzig ist eine ganz starke Bewerbung." Wie das gemeint sein könnte, macht der Verzicht von Budapest deutlich. Angesichts des Giganten-Aufgebots für 2012 hat die ungarische Hauptstadt es unterlassen, den Finger ebenfalls zu heben.

Der Schweizer Joseph Blatter hat die nationale deutsche Kür am Fernsehen mit verfolgt und kann verstehen, dass "eine Stadt ausgewählt wurde, die wichtige deutsche Geschichte geschrieben hat". Es habe bei den Olympia-Wahlen schon viele Überraschungen gegeben, sagt der Präsident des Weltfußball-Verbandes FIFA routiniert - und verweigert jede Prognose. Witali Smirnow, Alt-Olympier aus Russland und IOC-Vizepräsident, empfindet Leipzigs Bewerbung als "erstaunlich. Ich kenne die Stadt nicht, ich weiß nicht, ob sie für den ganz großen Sport geeignet ist. Aber vielleicht denken die Deutschen, kleine Stadt, kleine Probleme". In der kommenden Woche macht er eine Visite in München, "diese Stadt kennt jeder".

Denis Oswald weiß über Leipzig besser Bescheid als sein IOC - Vorstandskollege aus Moskau. "Die Stadt hat eine lange Erfahrung im Sport. Ich habe viel Vertrauen, dass das deutsche NOK gut evaluiert hat", sagt der Präsident des Internationalen Ruder-Verbandes. Zwar gibt der Schweizer zu, dass er als deutschen Kandidaten "eine Stadt mit internationalem Ruf" erwartet habe. Doch sei er sich "ziemlich sicher", dass Leipzig die Vorauswahl überstehen werde. Andererseits: Oswald rechnet bei maximal acht Bewerbern mit drei bis fünf Finalisten, "und da ist es natürlich ganz schwer, diese hohe Hürde zu überspringen".

Den größten Zuspruch erhält Leipzig von Gerhard Heiberg. "Das ist eine sehr interessante, sehr sportliche Bewerbung", sagt der Norweger. Olympische Spiele in Leipzig, "das ist absolut möglich, sie sind nicht nur für Hauptstädte da". Heiberg weiß, wovon er spricht. "Wir kamen aus dem Nichts, keiner hat mit uns gerechnet." Der Industrielle ist der Motor von Lillehammer gewesen, jenem 10 000- Einwohner-Flecken, der Olympia 1994 die glanzvollsten Winterspiele bescherte.



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