Leiter der spanischen Produktionsstätte von Daimler-Chrysler
Volker Heuer: Der Berufs-Deutsche

Auf Besucher wirkt Volker Heuer nicht gerade wie ein energisch-erfolgreicher Manager eines der größten Autokonzerne der Welt. Mit seinen roten Wangen und dem Vollbart macht der 49-Jährige den Eindruck, als ob er es gern ruhig und gemütlich mag.

Doch seine bisherige Bilanz in der spanischen Produktionsstätte von Daimler-Chrysler sieht anders aus: Als Heuer 1996 die Geschäftsleitung des Werkes in Vitoria übernahm, produzierten die Mitarbeiter jährlich 60 000 Mercedes-Benz Transporter der Baureihe Vito. Mittlerweile sind es 90 000 pro Jahr. Der europäische Marktanteil des Vito im Segment der Kleinbusse stieg von 15 auf 23 Prozent.

"Das haben wir vor allem den Mitarbeitern in der Fabrik zu verdanken", sagt Heuer. "Die Belegschaft hat einen hohen Ehrgeiz entwickelt, den Deutschen zu zeigen, dass sie ein ernst zu nehmender Partner in diesem Geschäft sind." Der gebürtige Westfale kommt erst nach langem Drumherumreden auf seinen Anteil an dem Erfolg zu sprechen - auf das von ihm eingeführte Logistiksystem etwa, über das pünktlich alle benötigten Bauteile an die Produktionsstrecke geliefert werden.

Heute zählt das im nordspanischen Baskenland gelegene Werk zu den produktivsten von Daimler-Chrysler. "Wir liegen sehr weit vorne", sagt Heuer. Das findet auch die Konzernleitung und investiert deshalb kräftig in die Erweiterung der Fabrikhallen. Die Spanier sollen künftig auch das Vito-Nachfolgemodell produzieren. In Kürze will Heuer seine Mannen so weit haben, dass 130 000 Autos jährlich vom Fließband rollen.

Als ausschlaggebend für den Erfolg im spanischen Vitoria nennt Heuer deutsche Tugenden wie Disziplin und Ordnung. Bei ihm heißt es: "Eine Fabrik muss sauber und ordentlich sein, um gut und qualitativ hochwertig arbeiten zu können."

Nicht immer war es einfach, diese Philosophie den Arbeitern klar zu machen. Doch Heuer fand eine Methode: Ab und zu macht er Kontrollgänge durch die Fabrikhallen. "Wenn dann etwas auf der Erde liegt, hebe ich es auf und schmeiße es in den Abfalleimer." Das sei dem Schichtleiter meist so peinlich, dass es nie wieder vorkomme.

Teamplayer Heuer

"Deutscher Pragmatismus mit spanischer Flexibilität", nennt Heuer seinen Führungsstil in Vitoria. Beim Umgang mit seinen Mitarbeitern profitiert Heuer von seiner langjährigen Erfahrung mit der südländischen Mentalität: Drei Jahre lang arbeitete er für Mercedes als Abteilungsleiter der Karosserie-Entwicklung in Brasilien und sechs Jahre lang als Assistent der Entwicklungsleitung in Argentinien. Auch die gute Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat nennt Heuer einen wichtigen Garant für den Erfolg der beiden Werke: "Ich glaube, ich bin ein guter Teamplayer", sagt er.

Das wiederum macht den Produktionsstandort konkurrenzfähig. In Spanien wird ohne Maulen in drei Schichten gearbeitet, auch am Samstag. Die Arbeiter haben nur 20 Tage Urlaub, müssen jeden Tag ein halbe Stunde länger arbeiten als ihre deutschen Kollegen und verdienen zudem auch noch deutlich weniger. Trotzdem waren die 3 500 Mitarbeiter ehrgeizig genug, die Zahl der produzierten Autos pro Kopf und Jahr in vier Jahren von 32 auf 44,4 zu erhöhen.

"Es war nicht einfach, sie von den hohen Anforderungen zu überzeugen", sagt Heuer. Sicherlich hatte dabei auch geholfen, dass der Konzern nicht immer so begeistert von Vitoria gewesen war. "Vor fünf Jahren haben wir überlegt, ob der Standort langfristig der Richtige ist", erzählt Heuer. Die Unternehmensführung plante, die Produktion des Nachfolgemodells eventuell nach Polen zu verlagern.

Guter Standort

Alles vergessen, denn heute zählt selbst der Krankenstand in Vitoria mit weniger als drei Prozent zu den niedrigsten in der Branche. Wie gut sich für Daimler-Chrysler der Produktionsstandort immer noch rechnet, zeigt sich auch an den Lohnkosten: Sie liegen nur etwa halb so hoch wie in Deutschland, sagt Heuer.

Ein neues Arbeitszeit-Börsen-System ermöglicht es zudem, dass die Schichtarbeiter länger bleiben, wenn viel zu tun ist, und mehr Freizeit haben, wenn die Zeiten einmal ruhiger sind. Heuer: "Dadurch sind wir unglaublich flexibel geworden und mussten bisher noch keine betriebsbedingten Kündigungen aussprechen."

Angespornt wird seine Mannschaft nicht nur durch den Ausblick auf einen sicheren Arbeitsplatz. Mit den Meistern der Fabrik vereinbart die Geschäftsführung Ziele, die sie bei Erreichen mit einem Bonus honoriert. Auch die Schichtarbeiter bekommen einen Zuschuss. Dafür achten sie darauf, bestimmte Qualitätsnormen einzuhalten.

Heuer glaubt, dass die Basken, die die Mehrzahl der Arbeiter stellen, eine andere Mentalität aufwiesen als der Rest der Spanier: "Die klimatischen Bedingungen sind hier fast wie in Deutschland, die Hitzewelle ist kurz, das erhöht die Arbeitsmoral." Vielleicht habe er die Basken auch deswegen als "sehr zuverlässige Menschen" kennen gelernt. Andere Autobauer wie zum Beispiel Ford, die ihre Fabrik im Süden Spaniens ansiedelten, litten unter zurückgehender Produktivität: "Das hat aber wohl auch mit Management-Fehlern zu tun." Um Erfolg zu haben müsse man einerseits als Unternehmer im Unternehmen handeln, andererseits seine Belegschaft hinter sich haben, fasst Heuer zusammen.

Zwar kann sich der Westfale nicht ganz frei machen von der Bedrohung der baskischen Terrororganisation Eta - wie viele Unternehmer hat auch Heuer ständig Begleitschutz. Er besteht aber darauf, dass er sich noch keiner Gefahr ausgesetzt gefühlt habe. Das dürfte auch ein Grund dafür sein, warum er am liebsten gar nicht mehr in die Zentrale nach Untertürkheim zurück möchte. "Fünfzehn Jahre im Ausland, da fühlt man sich als Kosmopolit." Selbst ein Besuch in Deutschland reizt Heuer nicht. Er lacht: "Ich versuche das zu vermeiden."

Quelle: Handelsblatt

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