Leiter des Aktieninstituts bezeichnet Lage als dramatisch
Experten werben um Vertrauen in die Aktie

Mehr Anlegerschutz ja, aber bitte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Dies forderten Rüdiger von Rosen, Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts (DAI), und Otto Loistl, wissenschaftlicher Ausbildungsleiter des Analystenverbandes DVFA. Sie sprachen beim internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten über Wege, das erschütterte Vertrauen in die Kapitalmärkte wieder herzustellen.

tmo FRANKFURT/M. Von Rosen bezeichnete die gegenwärtige Lage als "geradezu dramatisch". Der Markt für Börsengänge sei nach dem Platzen der Spekulationsblase fast tot. "Wir sind bei Neuemissionen auf das Niveau von 1982 zurück gefallen", sagte von Rosen. Gleichzeitig sank die Zahl privater Aktionäre, von 21 % aller Bundesbürger Anfang 2001 auf 18 % im ersten Halbjahr 2002.

Die Aktie werde viel weniger genutzt, als aus gesamtwirtschaftlicher Sicht dringend notwendig sei, sagte von Rosen. Als Beispiele nannte er die mangelnde Eigenkapitalausstattung deutscher Firmen und die Notwendigkeit, die Altersvorsorge durch Kapitaldeckung zu ergänzen - zum Beispiel per Aktie.

Loistl, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, verwies auf bisherige Initiativen für mehr Anlegerschutz: So enthalte das Vierte Finanzmarktförderungsgesetz eine Wohlverhaltensregel für Analysten. Danach müssen Analysten ihre Studien mit der nötigen Sorgfalt erstellen und auf mögliche Interessenkonflikte hinweisen.

Zwar haben laut Loistl manche Analysten - einige bewusst, andere unbewusst - zum Entstehen der Spekulationsblase beigetragen. "Ich glaube aber nicht, dass sie die eigentlichen Drahtzieher waren", fügte er hinzu. Beteiligt gewesen seien vielmehr auch Unternehmen, Portfoliomanager, Wirtschaftsprüfer und die Medien. Loistl forderte eine bessere Kapitalmarktkommunikation. "Die heilende Wirkung der Publizitität ist deutschen Unternehmen zu wenig bekannt", sagte er. Deren Glaubwürdigkeit leide oft an mangelnder Offenheit. Wissenschaftliche Auswertungen zeigten zudem, dass US-Konzerne die Erwartungen der Analysten besser steuern als deutsche Konzerne. So liege die Treffgenauigkeit der Analystenprognosen in den USA höher als hier zu Lande.

Kritisch äußerten die Experten sich zum US-amerikanischen Sarbanes-Oxley-Gesetz. Dieses entstand in Reaktion auf die Skandale um schöngefärbte Anlageurteile einiger US-Investmentbanken und auf den Bilanzbetrug bei US-Großkonzernen wie dem bankrotten Energiehändler Enron. Das Gesetz verlangt, dass jede Unternehmensbilanz künftig durch das Management mittels Eid bestätigt wird. Dagegen wehren sich einige deutsche Konzerne, deren Aktien in den USA notiert sind. Hier sei die Warnung "Hard Cases make bad laws" (Extreme Fälle führen zu schlechten Gesetzen) offenbar weniger beachtet worden, so Loistl. Von Rosen zeigte sich "wenig überzeugt", dass die Bilanzierung durch den Eid besser wird.

Einig waren sich von Rosen und Loistl darin, dass neue Regeln allein nicht ausreichen. Vielmehr verdiene das Thema Ethik insgesamt einen höheren Stellenwert an den Kapitalmärkten. Offen blieb jedoch, wie dieses Ziel zu erreichen ist.

Quelle: Handelsblatt

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