Leitzinssenkung in Euroland vor der Tür
Die EZB-Spitze steht unter Druck

Die Kreditwirtschaft hat sich fest auf eine Leitzinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB) eingestellt. Die starke Eintrübung der Konjunktur bei gleichzeitig rückläufiger Inflation im Euroraum haben den Druck auf die EZB-Spitze erheblich erhöht. Für die meisten Volkswirte am Bankenplatz Frankfurt ist die Rücknahme des wichtigsten EZB-Leitzinses von 4,50 %punkten auf der Ratssitzung an diesem Donnerstag bereits ausgemachte Sache.

dpa-afx FRANKFURT. "Die EZB muss senken. Ich rechne mit 0,25 %, wäre aber auch nicht über einen halben Prozentpunkt überrascht", sagt Dresdner Bank-Chefvolkswirt Klaus Friedrich. Für EZB-Präsident Wim Duisenberg gebe ES keinen Grund mehr, die Geldpolitik der ruhigen Hand fortzusetzen. "Die Konjunktur läuft schwächer als auch von Duisenberg erwartet. Zugleich nähern wir uns bei der Inflation dem EZB-Ziel von unter zwei Prozent", argumentiert Friedrich. "Die EZB sollte angesichts der großen konjunkturellen Unsicherheit ihren Beitrag leisten", fordert auch sein Kollege Michael Heise von der Frankfurter DG Bank.

EZB-Führung hat die Tür für eine Zinssenkung aufgestoßen

Die EZB-Führung selbst hat in ihrer August-Pause die Tür für eine Zinssenkung aufgestoßen. Auffällig deutlich betonten die Notenbank-Volkswirte in ihrem jüngsten Lagebericht den rückläufigen Anstieg der Verbraucherpreise. Die stets geäußerte Sorge über zu hohe Abschlüsse bei anstehenden Lohnrunden, wodurch die Preisstabilität unterminiert werden könnte, tauchte zudem nicht mehr auf. Im Gegenteil: Die EZB ist nun optimistisch, dass moderate Tarifabschlüsse den nachlassenden Inflationsdruck stützen dürften. Zugleich räumt sie ein, die Wirtschaft in Euroland entwickele sich schwächer als erwartet.

Etwas Wasser in den Wein gossen am Donnerstag allerdings die Zahlen zur Entwicklung der Geldmenge M3 in Euroland. Sie ist neben der jährlichen Teuerungsrate zweiter entscheidender Indikator für den Zinssenkungsspielraum der Notenbank. Für Juli ermittelte die EZB eine jährliche Geldmengenexpansion von 6,4 % nach 6,1 % im Juni. Dies liegt wieder klar über dem EZB-Zielwert von 4,5 %.

Warnung vor allzu großen Hoffnungen

Die EZB betonte jedoch ausdrücklich Sonderfaktoren als Grund für die starke Expansion. So habe vor allem die Schwäche der Aktienmärkte Geldanlagen auf kurzfristigen Konten attraktiver gemacht. Zudem verzerrten Geldmarktanteile und Schuldverschreibungen von Anlegern mit Wohnsitz außerhalb des Euroraums das Geldmengenwachstum nach oben. Viele Volkswirte werteten diese ausführliche Argumentation quasi als "Vorbereitung" der Märkte auf einen Zinsschritt nach unten.

Chefökonom Heise warnt unterdessen vor allzu großen Hoffnungen. Das Beispiel USA zeige, dass die Geldpolitik nur mit deutlicher Verzögerung auf die Realwirtschaft wirke. US-Notenbankchef Alan Greenspan hat seit Jahresbeginn schon sieben Mal den wichtigsten Zinssatz um insgesamt 3,0 Punkte auf 3,5 % nach unten gedrückt. Eine Konjunkturbelebung jenseits des Atlantik ist aber noch nicht in Sicht. Der Chefvolkswirt der DGZ Bank, -Deka Michael Hüther, empfiehlt der EZB deshalb sogar "Kurshalten". Die Prognose des Sparkassen- Investmenthauses lautet: "Auf keinen Fall wird die EZB aktiv werden, um a la Fed der stagnierenden Konjunktur auf die Beine zu helfen. Ein straffer Zinssenkungskurs ist unserer Auffassung nach nicht drin.

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