Leitzinssenkung
Kommentar: Mutige EZB

Die Zinssenkung ist mutig - birgt aber einige Risiken.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat Mut bewiesen, indem sie ihren Leitzins gleich um einen halben Prozentpunkt auf 2,75 Prozent gesenkt hat. Allerdings kann der EZB das Gleiche passieren wie schon einmal 1999. Damals hatte sie nach langem Zögern den Leitzins ebenfalls um einen halben Punkt auf 2,5 Prozent gesenkt, um der Gefahr einer Deflationsspirale und der Verunsicherung der Finanzmärkte zu begegnen. Im Nachhinein hatte sich das als unnötig herausgestellt und ihr von vielen Seiten Kritik eingetragen. Viele waren sogar der Meinung, dass die Finanzmärkte und die Wirtschaftsdaten damals bereits deutlich auf eine Wende zum Besseren hingedeutet hatten.

Auch diesmal haben die Renten- und Aktienmärkte begonnen, einen Konjunkturaufschwung vorwegzunehmen. Sowohl die Kapitalmarktzinsen als auch die Aktienkurse sind in den letzten Wochen deutlich gestiegen. Erschwerend kommt für die EZB hinzu, dass die Inflationsrate nicht wie damals am unteren Ende des Zielkorridors liegt, sondern mit 2,2 Prozent das mittelfristige Ziel übertrifft.

Wenn die Finanzmärkte Recht haben und Amerika bereits wieder dabei ist, die Weltkonjunktur aus dem Tal zu ziehen, dann muss sich die EZB warm anziehen. Dann wird sie noch heftiger für ihren vermeintlichen zinspolitischen Aktivismus gescholten werden als damals. Doch wie ein Käufer einer Feuerversicherung, dem nach einem Jahr ohne Brandfall vorgehalten wird, er habe sein Geld verschwendet, hat die EZB die besseren Argumente auf ihrer Seite.

Der Zinsschritt war in erster Linie eine Versicherung gegen die beträchtlichen Risiken, denen die Wirtschaft des Euro-Raums ausgesetzt ist. Er wurde auch so begründet. Ein Kriegszug der USA gegen den Irak, mit der zu erwartenden kräftigen Verteuerung des Rohöls, und eine deutliche Dollar-Abwertung gegenüber dem Euro würden gegebenenfalls die Wirtschaft des Euro-Raums erheblich belasten. Wenn sie bei Eintritt eines dieser Risiken immer noch an der Grenze zwischen Rezession und Aufschwung operierte, dann gäbe es kaum noch ein Halten.

Dadurch, dass die EZB die Zinsen kräftig gesenkt und auch eine weitere Lockerung der Geldpolitik in naher Zukunft nicht ausgeschlossen hat, trägt sie das Ihre dazu bei, die Konjunktur zu beleben und die Wirtschaft damit widerstandsfähiger zu machen. Sollte ihr das gelingen, spielt sie ihren Kritikern in die Hände. Denn im Nachhinein ist die befürchtete Rezession dann ausgeblieben.

Gerade erfolgreiche Notenbanken bieten immer große Angriffsflächen für Kritik. Damit müssen sie leben. Halten sie durch eine ausreichend restriktive Geldpolitik die Inflation niedrig, so werden sie dafür kritisiert, dass sie ein Phantom bekämpfen und dafür Arbeitsplätze opfern. Wenn sie mit lockerer Geldpolitik erfolgreich konjunkturelle Schwächephasen abmildern und abkürzen, werden sie dafür kritisiert, scheinbar unnötig die Preisstabilität aufs Spiel zu setzen.

Für die Aktienmärkte und den Euro ist der Mut der EZB, dies auszuhalten und sich unter schwierigen Umständen offen zur ihrer Mitverantwortung für die Wirtschaftsentwicklung zu bekennen, ein gutes Zeichen. Mehr Wachstum im Euro-Raum bringt mehr Vertrauen in den Euro und Entlastung für die überforderte Welt-Konjunkturlokomotive USA .

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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