Leo Kirch am Ende
Die letzten Tage des Patriarchen

Seinen letzten Brief an die Mitarbeiter unterzeichnet er mit "Gottes Segen". "Es sind nicht allein die Zahlen, die eine Firma ausmachen, es sind die Menschen", lesen darin seine 10 000 Angestellten. Sie lesen es am selben Tag, als um 11.05 Uhr unter Bilderbuch blauem Himmel ein Insolvenzantrag beim Amtsgericht in der Münchener Innenstadt eingeht. Leo Kirch selbst erscheint an diesem 8. April nicht mehr in seinem Büro.

Sein Lebenswerk ist zerstört. Bis Ende letzter Woche saß der 75-jährige, von Diabetes und Herzkrankheiten gezeichnet, aber geistig voll dabei, noch an seinem Schreibtisch in der Kirch-Zentrale. "Er wirkt gefasst", berichtet ein Mitarbeiter. "Kirch wird das alles nicht umhauen", glaubt ein anderer langjähriger Weggefährte. Der Patron hatte auch Zeit, sich mit seinem Schicksal abzufinden. "Schon seit Ende letzten Jahres steht die Möglichkeit einer Pleite im Raum", sagt heute ein hoher Kirch-Manager.

Der Fall könnte nicht tiefer sein. Als Sohn eines fränkischen Winzers in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, baute Kirch in den vergangen 47 Jahren einen der größten Medienkonzerne Europas. Sein Aufstieg war atemberaubend, sein Verhandlungsgeschick legendär. Jetzt endet eine der letzten Märchengeschichten, die das Nachkriegsdeutschland hervorgebracht hat.

"Das Beste, Größte und Schönste"

Kirch ist an der selben Eigenschaft gescheitert, die ihn groß gemacht hat: Seiner Lust am Risiko. Immer schon hatte er den Ausbau seines Unternehmens fast ausschließlich über Kredite finanziert. Geld sei für Leo Kirch nie das Ziel gewesen, sagt ein langjähriger enger Mitarbeiter. Wenn Kirch etwas anpackte, sollte es schlicht "das Beste, Größte und Schönste" sein. "Die Margen im Filmrechtehandel sind im Laufe der Jahre geschrumpft, gleichzeitig haben wir mit Summen hantiert, die größer waren als je zuvor", sagt heute selbstkritisch ein ehemaliger Top-Manager des Unternehmens.

Harte, verletzende Kritik an Leo Kirch dagegen hört man nicht von ihm. Wer bei Kirch arbeitete, war ihm oft geradezu verfallen. Er ist ein Menschenfänger. "Der gemeinsame Untergang mit einem Unternehmer wie Leo Kirch - selbst der ist noch eine große Ehre, gemessen am jämmerlichen Dasein so vieler anderer", sagt der Geschäftsführer des zur Kirch-Gruppe gehörenden Senders TV-Berlin, Georg Gaffron, zum Insolvenzantrag.

Kirch lebte in einem Netz aus guten Beziehungen und Freundschaften, ob mit Politikern oder südeuropäischen Filmproduzenten. Die Linken mochten ihn meist nicht, auf die Konservativen konnte er zählen. Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl gehörte zu seinen Vertrauten, auch der jetzige Kanzler-Kandidat Edmund Stoiber half dem Medienunternehmer, vorwiegend mit der Bayerischen Landesbank.

Der Einsatz wurde immer größer, nur eins blieb gleich: Leo Kirch und seine Art, das Unternehmen zu leiten. Als die Banken Mitte März noch einmal eine Rettungsaktion versuchen, wollen sie Kirch und dessen Vize Dieter Hahn herausdrängen. "Die Firma wird doch geführt wie ein besserer Handwerksbetrieb", begründet das ein Banker.

Mit der gestern verkündeten Auffanglösung ist Kirch draußen - und die Banken sind im Risiko. "Jetzt haben wir eine Lösung, die keiner wollte", heißt es. Versucht wurde fast alles in den letzten vier Monaten.

Chronik des Niedergangs

Im Dezember tauchen Gerüchte über eine Schieflage des Münchener Medienkonzerns auf: Der Winter des Patriarchen beginnt. Eine feindliche Übernahme durch den Australo-Amerikaner Rupert Murdoch stehe unmittelbar bevor, wird erzählt. Selbst Kirch-Vertraute sprechen von "ernsten finanziellen Problemen". "Die Lage ist kritisch", wird gestreut.

In die Rolle des Totengräbers schlüpft Ende Januar bereitwillig Mathias Döpfner. Der neue Chef des Axel Springer Verlags setzt Kirch, selbst mit 40 Prozent bei Springer dabei, die Pistole auf die Brust und löst die Finanzkrise letztlich aus: Er fordert für seine Beteiligung am Fernseh-Konzern Pro Sieben Sat 1 rund 770 Millionen Euro. Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer stellt ein paar Tage später öffentlich jede weitere Kreditwürdigkeit der Münchener in Frage. Nur vier Tage später kündigt Rupert Murdoch an, auch er rücke von seinem Geschäftsfreund ab und werde im Herbst von Kirch über 1,6 Milliarden Euro verlangen, weil der Pay-TV-Sender Premiere nicht aus den roten Zahlen kommt.

Auch wenn Albrecht Schmidt, Chef der Münchener Hypo-Vereinsbank, anbietet, die Springer-Beteiligung für 1,1 Milliarden Euro zu übernehmen - es reicht nicht mehr. Kirch-Vize Hahn beziffert erstmals offiziell den Schuldenstand der Gruppe: mehr als 6,5 Milliarden Euro. Damit ist klar: Eine Kirch-Insolvenz wird die größte Pleite der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Selbst Kirch, der schon seit Jahrzehnten auf Öffentlichkeit verzichtet, taucht plötztlich bei einem "Spiegel"-Interview auf. Wieder ist er so, wie ihn viele Gesprächspartner beschreiben: "charmant", "witzig", "bescheiden". "Ich war nie ein Spieler, sondern allenfalls ein Unternehmer mit Sportgeist", sagt er. Und der gläubige Katholik schiebt den Satz nach: "Der Herr hat?s gegeben, der Herr hat?s genommen."

Da ist er selbst schon nicht mehr Herr in seinem Haus mit 10 000 Mitarbeitern. Auf Druck der Banken heuert er den Düsseldorfer Insolvenz-Experten Wolfgang van Betteray an. "Das Ende ist nah", heißt es schon damals in Verhandlungskreisen. "Mit jeder Woche, die verstreicht, wird der Druck im Kessel größer", sagt ein Banker.

Am Sonntag, 24. März, läuten die Banken den letzten Akt ein. In München schneit es, unter der Leitung von Werner Schmidt, Chef der Bayerischen Landesbank, findet eine Krisensitzung statt. Am Tisch sitzen Vorstände der Landesbank, der Hypo Vereinsbank, der DZ-Bank und der Commerzbank - alle verfügen über relativ schlechte Sicherheiten. Die Angst um ihr Geld eint die sonst so zerstrittenen Banker. Ein gemeinsames Sanierungskonzept kommt auf den Tisch. Kirch und Hahn, so der Plan, sollen möglichst schnell ausscheiden. Die Kreditinstitute übernehmen die Macht, schießen erneut frisches Kapital zu und sanieren die Gruppe. "Wir müssen jetzt das Beste daraus machen", heißt es bei den Kreditinstituten.

Insbesondere Landesbank-Chef Schmidt drückt aufs Tempo, hat doch seine Bank rund zwei Milliarden Euro an Kirch verliehen. Auch Ministerpräsident Edmund Stoiber macht hinter den Kulissen Druck. Der Kanzlerkandidat der Union hat Angst, dass die Kirch-Krise zum Thema im Bundestagswahlkampf wird - genau das kündigt Bundeskanzler Gerhard Schröder gestern denn auch an.

Schmidt lädt alle Banken, Kirch-Manager und-Gesellschafter zu Verhandlungen in den Räumen der Landesbank. Doch schon am ersten Tag, Montag, 25. März, kommen die Gespräche ins Stocken. Die Kirch-Media-Gesellschafter, allen voran die Abgesandten von Rupert Murdoch und des italieneischen Medienunternehmers und Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, stellen sich quer. Sie wollen selbst die Macht bei Kirch. Nach kurzer Beratung sind die Banken einverstanden. "Wir verstehen nichts vom Mediengeschäft. . Es ist gut, wenn es einer macht, der es kann", freuen sich die Experten aus den Banken.

Pokern um den lukrativen Fernsehmarkt

Am Montag Abend brechen die italienischen Partner, die Silvio Berlusconi in München vertreten, die Gespräche ab. Sie fliegen sofort nach Mailand zurück und kommen am nächsten Vormittag mit neuen Instruktionen zurück. Was sie präsentieren, verschlägt den Banken die Sprache: Die Kreditinstitute sollen nicht kurzfristig frische Geld nachschießen, sie sollen auch auf Forderungen verzichten. "Wir steigen ein, aber ihr müsst zahlen", lautet das Angebot. "Berlusconi, Murdoch & Co. wollen Kirch zum Nulltarif", empören sich die Bankenvertreter.

Danach wird weiter verhandelt, aber ohne die geringsten Erfolge. "Die Investoren haben Angst vor der eigenen Courage", sagt ein Insider. Insbesondere Murdoch und Berlusconi liegen über Kreuz, denn beide wollen nur eins - den Einstieg bei Pro Sieben Sat 1und damit in den lukrativen deutschen Fernsehmarkt. Jedesmal, wenn die Banken einen Schritt auf die Investoren zugehen, schrecken die zurück und stellen neue Forderungen, heißt es: "Die wollens schon, aber sie trauen sich nicht zusammen."

Leo Kirch steht das Wasser mittlerweile bis zum Hals. Erstmals wird am Mittwoch, 3. April, aus der Kirch-Gruppe laut über einen Insolvenzantrag gesprochen. "Bald ist es soweit, wahrscheinlich noch Ende dieser Woche", sagen die Kirch-Leute. Ein Insolvenzantrag wird schon ausgearbeitet. Letzte Gespräche in München und Los Angeles scheitern.

"Er war ein Genie in seinem Geschäft", ruft ihm gestern ein Vertrauter nach. Und er warnt die Banken. "Wenn sie nun die Geschäfte der Kirch-Gruppe übernehmen, müssen sie mit Schwierigkeiten rechnen. Im Programmgeschäft verkauft man Träume, und die sind eng mit der Person hinter dem Unternehmen verbunden."

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