Leo Kirch vor dem Aus
Kommentar: Scherbenhaufen

Leo Kirch steht vor einem Scherbenhaufen. Der Medienunternehmer aus München ist am Ende und muss - das steht so gut wie fest - sein Unternehmen endgültig aus der Hand geben.

Die Macht bei einem der größten Medienkonzerne Europas werden entweder die Banken, Kirchs Geschäftspartner Murdoch, Berlusconi & Co. oder ein Insolvenzverwalter übernehmen. Das Poker mit den Banken ist entwürdigend, und noch steht der Abschied Kirchs noch nicht endgültig fest. Aber der 75-Jährige und sein 41-jähriger Vize Dieter Hahn sollten schnell die Chefetage räumen, um den Weg für eine Lösung frei zu machen.

Dabei spielt auch der spektakuläre Zusammenbruch des Baukonzerns Holzmann in der vergangenen Woche eine wichtige Rolle. Denn die Banken wollen nicht nur eine weitere Pleite vermeiden, sie haben die schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass eine Sanierung nur mit einem neuen und fähigen Management erfolgreich sein kann. Das heißt für Kirch: Ein Sanierer muss ran, der den ganzen Laden auf den Kopf stellt, vieles verkaufen wird und den Rest auf ein profitables Fundament stellen soll. Und dabei müssen sich wohl alle darauf gefasst machen, dass im weit verzweigten Konzern noch viele böse Überraschungen zu Tage kommen werden.

Verantwortung für die schwere Krise des Medienkonzerns tragen viele, auch Banker und Politiker. Die bayerische Staatsregierung gab Kirch immer politische Rückendeckung. Erst in den vergangenen Monaten, als sich die Krise zuspitzte, wandte sich Ministerpräsident Edmund Stoiber ab - natürlich auch mit Blick auf seine Kanzlerkandidatur. Und auch die Bayerische Landesbank, zu 50 Prozent in Besitz Bayerns und Hausbank des Konzerns, gab Kirch noch im vergangenen Jahr einen Milliardenkredit. Und das, obwohl die Hypo-Vereinsbank schon abwinkte. "Zu riskant", hieß es damals.

Doch die Hauptschuld lastet auf dem Kirch-Ma- nagement. Leo Kirch und Dieter Hahn haben sich in der Überschätzung der eigenen Lage auf zu riskante Verträge eingelassen. Rupert Murdoch, dem Axel- Springer-Verlag oder den Hollywood-Studios wurden milliardenschwere Zugeständnisse gemacht, die der Münchener Konzern heute nicht mehr erfüllen kann. Viel zu lange wurstelte Kirch auch beim Not leidenden Bezahlfernsehen Premiere vor sich hin. Das Sanierungsprogramm des neuen Senderchefs Georg Kofler ist zwar richtig, kommt aber wahrscheinlich viel zu spät. Gleichzeitig wurden munter immer neue Schulden gemacht. Noch im vergangenen Jahr pumpte Kirch fast 1,5 Milliarden Euro in den Kauf der Formel 1 und spielte sich als Retter der schwer angeschlagenen Medienfirma EM.TV auf. Wer hätte gedacht, dass Kirch nur knapp ein Jahr später das gleiche Schicksal wie seinem Zögling Thomas Haffa widerfahren würde?

Leo Kirch, dessen Karriere in den fünfziger Jahren mit einem Kredit für den Kauf des Klassikers "La Strada" begann, ist in seinem Leben immer riskante Engagements eingegangen. Immer wieder fand er einen Weg aus scheinbar ausweglosen Situationen. Doch jetzt bricht das Kartenhaus zusammen. Das Rad, das Kirch drehte, ist einfach zu groß geworden. Der Konzern sei "wie ein besserer Handwerksbetrieb" geführt worden, heißt es abfällig bei den Banken. Und das stimmt im Kern. Die strategischen Entscheidungen wurden bis zuletzt vom in die Jahre gekommenen Kirch selbst getroffen. Es gab keine Kontrollinstanz, kein gut funktionierendes Controlling und offenbar keine langfristige Finanzplanung.

Zudem ist das Kirch-Firmengeflecht nach wie vor undurchsichtig. Wie stark die Abhängigkeiten zwischen den Konzerngesellschaften sind, weiß kaum jemand. Vor diesem Hintergrund ist auch der Ausgang der jetzt eingeleiteten Notoperation offen. Kann es überhaupt gelingen, den schlingernden Medienriesen zu stabilisieren, lautet die entscheidende Frage. Das Drama Kirch wird weitergehen - auch ohne Hauptdarsteller Leo.

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