Leseförderung nötig
Internet vergrößert Wissenskluft

Das Internet spaltet die Gesellschaft: Die Kluft zwischen gut informierten Viellesern und passiven Medienverweigerern wächst mit dem neuen Medium schneller. Die neue Studie der Mainzer Stiftung Lesen über das Leseverhalten der Deutschen ist ein neuer Beleg für dieses Phänomen, das die Fachleute "Wissenskluft" nennen.

dpa MAINZ. Das Phänomen ist nicht neu, Kommunikationsforscher warnen schon seit Jahren davor. Doch mit der rasanten Verbreitung des Internets gewinnt der Prozess an Dynamik. Und er trifft bereits die Jugendlichen.

Auf der einen Seite des Grabens steht die "Informations-Elite" mit Menschen, die viel und regelmäßig lesen und neben gedruckten auch die elektronischen Medien wie Radio, Fernsehen und Internet ausgiebig nutzen. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die selten ein Buch oder eine Zeitung in die Hand nehmen und sich vom Fernsehen lieber berieseln als informieren lassen.

Ohne Infrmationen wird der Anschluss verpasst

Für die Referenten der Mainzer Tagung "Gutenbergs Folgen", die am Freitag zu Ende gehen sollte, ist die wachsende Kluft gerade bei jungen Leuten ein Grund zur Besorgnis. Denn: Wenigleser drohen im Informationszeitalter den Anschluss zu verpassen. Sie sind weniger informiert und wissen weniger. Das kann nicht nur ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verringern, sondern auch negative Folgen für die Gesellschaft haben: Der viel zitierte "mündige Bürger" braucht in der Demokratie Informationen, sonst gerät der Urnengang zur reinen Bauchentscheidung. Um die Wissenskluft zu verringern und die gesamte Gesellschaft fit für das neue, multimediale Zeitalter zu machen, müssten vor allem Kinder stärker ans Lesen herangeführt werden, so die einhellige Forderung der Experten.

Veränderte Ansprüche

Auf den ersten Blick bietet die am Donnerstag in Mainz vorgestellte Studie Anlass zu Optimismus: Es wird insgesamt nicht weniger gelesen als noch 1992 bei der vorherigen Erhebung. Aber es wird anders gelesen: Statt zu Romanen und Gedichtbänden greifen immer mehr Leser zu Sach- und Fachbüchern. Statt genussvoll zu schmökern oder ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu verschlingen, überfliegen viele "Häppchen-Leser" nur noch die Seiten und picken sich die für sie relevanten Informationen heraus. Dies gilt vor allem für Jugendliche bis 19 Jahren. Dabei - so ein weiteres zentrales Ergebnis - geht ausgiebiges Surfen im Internet nicht zu Lasten der Buch- oder Zeitungslektüre. Doch es verändert den Anspruch an die Aufbereitung von Informationen und Texten. Und es verlangt dem Leser größere Fähigkeiten zur Einordnung ab.

"Im Internet wird ein ungeheurer Datenmüll erzeugt", sagte Werner Klatten vom Hamburger "Spiegel"-Verlag auf einer Podiumsdiskussion am Donnerstagabend. "Da muss Orientierungs- und Navigationshilfe geleistet, ein Kontext hergestellt werden". Das Internet sei mit der Möglichkeit, Links zu anderen Seiten zu knüpfen, dafür gut geeignet. Bücher, Zeitungen und Zeitschriften dagegen hätten es schwer, junge Leser zu gewinnen, "dafür haben wir noch nicht den Schlüssel gefunden", räumte Klatten ein.

Anpassungsfähigkeit entscheidend

Die Verlage müssten ihre Produkte in der Optik und Aufmachung an die veränderten Lesegewohnheiten anpassen, forderte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Frankfurt), Roland Ulmer. "Aber mit den deutschen Fachautoren ist es schwierig, Texte zur raschen Orientierung anzubieten, da sind die Lektorate gefragt."

"Wenn sich unter Einfluss der neuen Medien die Art zu lesen und die Ansprüche an die Textgestaltung ändern, wenn Zappen auf Papier gegenüber sorgfältigem Durchlesen dominiert, dann muss gehandelt werden, damit die Wissenskluft nicht noch größer wird", mahnte der Geschäftsführer der Stiftung Lesen, Klaus Ring. "Eine wachsende Kluft ist inakzeptabel, dagegen müssen wir so früh wie möglich angehen." Dazu müsse man in den Familien ansetzen, solange die Kinder noch klein und "prägungsfähig" seien, meinte Ring. Auch die Schulen müssten eine stärkere Leseförderung betreiben.

Lesefähigkeit der Deutschen nimmt ab

Jürgen Genuneit vom Bundesverband Alphabetisierung (Stuttgart): wies auf die generell abnehmende Lesefähigkeit der Deutschen hin. Rund vier Mill. Menschen in Deutschland - fünf Prozent der Bevölkerung - seien praktisch Analphabeten. 14 % erreichten nur die unterste Stufe der Lesefähigkeit. Doch auch bei leseerfahrenen Deutschen hat nach der Beobachtung des Frankfurter Verlegers Vittorio Klostermann die Lust nachgelassen, sich mit komplexen Inhalten auseinanderzusetzen. Nicht nur seitenlange Zeitungsartikel, auch wortlastige Fernsehbeiträge wie Kommentare würden immer seltener. "Das liegt nicht nur an veränderten Lesegewohnheiten, die Muße allgemein ist auf dem Rückzug."

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