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Lesestoff

Wörter, Wörter, viele Wörter: Mehr als 112 000 sind es. Von der Menge der Buchstaben her ließen sich damit fünf "Jerry Cotton"-Romane füllen. Allerdings würden sich die Krimi-Fans vermutlich bedanken, wenn sie plötzlich die Wahlprogramme der fünf im Bundestag vertretenen Parteien vorgesetzt bekämen. Aber es geht ja nur um den Mengenvergleich, nicht um spannende Inhalte; obwohl die genaue Lektüre der Parteipublikationen sicher so manchen auf- oder erregen würde.

Nach den letzten Parteitagen im Mai steht nun im Internet geschrieben, welche Argumente die Wähler zur Stimmabgabe bewegen sollen. "Regierungsprogramm" nennen sowohl die SPD als auch die CDU/CSU ihre Texte. Die einen in der Erwartung weiterhin, die anderen in der Hoffnung, nach dem 22. September wieder regieren zu dürfen. Bündnis 90/Die Grünen kündigen ein "Vierjahresprogramm" an, die FDP ein "Bürgerprogramm". Letzteres steht unter dem Vorbehalt "der Überarbeitung durch die Redaktionskonferenz". Das mag heißen: "Änderungen vorbehalten". Man wird sehen. Die PDS, die im Netz unter "Sozialisten.de" auftreten muss, da ein Softwareunternehmen sich die Adresse "PDS.de" sicherte, bietet schlicht ein "Wahlprogramm". Dieses umfasst nur etwas mehr als 14 000 Wörter und würde kaum 40 der üblichen 63 Seiten eines "Jerry Cotton" füllen.

Dafür schlug die FDP zu, mit fast 32 500 Wörtern. Das ist rund ein Drittel mehr, als CDU/CSU (20800), SPD (21100) und Bündnis 90/Die Grünen (23 800) geschrieben haben. Es ist auch ein Drittel mehr als vor vier Jahren. Im Vergleich zum Wahlkampf 1998 hat die CDU ihr Programm fast um das Eineinhalbfache ausgeweitet. Zugelegt hat auch die SPD, um 40 Prozent. Die Grünen dagegen, die 1998 noch mehr Worte machten als die FDP jetzt, nahmen sich um 30 Prozent zurück. Etwas gekürzt, um zehn Prozent, hat sich auch die PDS.

Die gewachsene Wörterflut der Schröder-, Stoiber- und Westerwelleschen Programme lässt vermuten, dass die Kanzlerkandidaten meinen, die Menge machts. Die Frage ist allerdings: Wer wird das alles lesen, was geboten wird? Wichtig wäre es wohl. Aber prickelnd ist es nicht, dass die FDP nun "bereit zur Verantwortung" ist, die CDU/CSU "Zeit für Taten" sieht. Dass die SPD "Wort gehalten" hat, darf man auch nicht so genau an den Wahlversprechen 1998 messen.

Und die Selbstdarstellung der Grünen als "Partei der ökologischen Modernisierung, der sozialen und wirtschaftlichen Erneuerung und der gesellschaftlichen Demokratisierung" wird ebenso wie der Wunsch der Sozialisten "Deutschland braucht mehr PDS - dringender denn je" lediglich die Anhänger begeistern. Vielleicht würden "Jerry Cotton"-Autoren die Lesefreude erhöhen.

P.S. Dieser Text hat 399 Wörter.

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