Letzter Vorhang für deutsches Traditionsunternehmen
Zwangsübernahme letzter Mannesmann-Aktien

Zwei Jahre nach der spektakulären Übernahme durch Vodafone fiel am Dienstag mit dem Zwangsausschluss der verbliebenen Mannesmann-Aktionäre der letzte Vorhang für ein Stück deutscher Industriegeschichte. Rund 100 Aktionäre trafen sich zu einer außerordentlichen Hauptversammlung der Vodafone AG in Düsseldorf.

dpa DÜSSELDORF. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung sollten am Dienstag in Düsseldorf rund 4000 Mannesmann-Aktionäre aus dem Mobilfunk-Unternehmen hinausgedrängt werden. Sie sollen eine Barabfindung von 217,92 Euro pro Aktie erhalten. Aufgebrachte Kleinaktionäre kündigten wegen angeblicher Verfahrensfehler eine Anfechtungsklage an. Zudem wollen sie vor dem Landgericht Düsseldorf ein Schiedsverfahren beantragen, um eine höhere Abfindung zu erstreiten.

Die Vodafone AG, eine Tochter des britischen Mobilfunkriesen Vodafone, will für die noch im Umlauf befindlichen 1,9 Millionen Aktien rund 430 Millionen Euro zahlen. Die Abstimmung zur Übertragung der letzten Mannesmann-Anteile auf Vodafone gilt nur noch als formaler Akt. Die Briten halten bereits 99,6 Prozent der 507 Millionen Anteile. Die im neuen Aktiengesetz verankerte Verdrängung, ein so genanntes Squeeze Out, ist erst seit Jahresbeginn möglich. Die seit 1907 notierte Mannesmann AG wird dann vom Börsenzettel gestrichen, der Eintrag des einstigen Industrie-Giganten aus dem Handelsregister gelöscht.

Der Vorstandsvorsitzende der Vodafone AG, Julian Horn-Smith, verteidigte das Verfahren. "Es entfallen Kosten für die Börsennotierung der Gesellschaft und die Organisation der jährlichen Hauptversammlungen", sagte der Manager. Die Höhe der Barabfindung, die sich nach dem gegenwärtigen Unternehmenswert von 103 Milliarden Euro zuzüglich einer Garantiedividende berechne, sei gerechtfertigt. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) wies die Abfindung als zu niedrig zurück. "Wir fühlen uns als Opferlämmer. Wir freien Aktionäre waren ihnen schon immer lästig und werden nur noch als Kostenfaktor gesehen", sagte DSW-Anwalt Marc Tüngler. Ein Schiedsverfahren werde mehrere Jahre dauern.

Die treuen Mannesmänner hätten ein deutlich besseres Geschäft gemacht, wenn sie sich früher von ihren Papieren getrennt hätten. Die Mannesmann-Aktie war bis kurz vor der Übernahme durch Vodafone im Februar 2000 auf fast 350 Euro geklettert. "Es ist schon bitter, dass so eine traditionsreiche Firma einfach plattgemacht wurde", sagte der Kleinaktionär Walter Schmidt.

Horn-Smith betonte, auch nach der Neustrukturierung des Unternehmens werde der Standort Düsseldorf für den Vodafone-Konzern eine wichtige Rolle spielen. "Für Vodafone weltweit werden hier Produkte entwickelt, das IT- und Technologie-Management gesteuert sowie das Global Branding verantwortet." Er schloss seine Rede an die Altaktionäre mit den Worten: "Ich weiß und verstehe, was der heute anstehende Beschluss für alle Aktionärinnen und Aktionäre bedeutet, für Sie, die dieses Unternehmen seit vielen Jahren begleitet haben. Ich hoffe, Sie bald als neue Aktionäre der Vodafone Group begrüßen zu können."
Ein Arbeitsplatzabbau ist nach den Worten von Vodafone-Sprecher Christian Hoppe mit der Umstrukturierung nicht verbunden. "Es hat keine Entlassungen bei der Vodafone AG gegeben und es wird auch keine geben", betonte er.

Nach der Übernahme der Mannesmann AG durch den Mobilfunkbetreiber Vodafone wurde der Traditionskonzern in seine Einzelteile zerlegt. Aus den Verkäufen erlösten die Briten mehr als 70 Milliarden Euro bei einem Übernahmepreis für Mannesmann von 350 Milliarden Euro (Aktientausch). Bei Vodafone blieben hauptsächlich die Mannesmann-Aktivitäten im Mobilfunk (D2, Omnitel) und das Festnetzgeschäft (Arcor). Aus kartellrechtlichen Gründen musste sich Vodafone von der Mobilfunkfirma Orange trennen, die von France Télécom für 48 Milliarden Euro übernommen wurde.

Verkauft wurde auch die italienische Infostrada (Festnetz). Sie ging für 11 Milliarden Euro an den Energiekonzern Enel. Siemens und Bosch übernahmen für 9,6 Milliarden Euro die Industriessparte Atecs (Maschinenbau, Autotechnik), obwohl dafür zunächst ein Börsengang vorgesehen war. Einen guten Schnitt machte Vodafone außerdem mit den Luxusuhren. Für dieses Mannesmann-Geschäft kassierten sie von der schweizerischen Richemont 2 Milliarden Euro. Das chronisch defizitäre Röhrengeschäft ging zum symbolischen Preis von 0,51 Euro (umgerechnet eine Mark) an Salzgitter.

Der Ausverkauf des 110 alten Traditionskonzerns wurde innerhalb des Jahres 2000 praktisch vollständig abgewickelt. 2001 wurde Mannesmann schließlich in Vodafone AG umfirmiert. Mit dem Herausdrängen der Altaktionäre im Rahmen des Squeeze Out erinnert künftig nur noch die Düsseldorfer Adresse an den Mischkonzern vom Rhein: das Mannesmannufer.

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