Letztlich verfolgen alle Anbieter die gleiche Strategie
Riestergeschäft wird sich nur für wenige Anbieter lohnen

Während viele Banken, Versicherungen und unabhängige Finanzdienstleister noch immer an das Geschäft mit Riesterprodukten glauben, sind unabhängige Experten zunehmend skeptisch.

vwd FRANKFURT. Wenn überhaupt, werde die Rentenreform nur wenige Gewinner hervorbringen. Im gerade erst richtig gestarteten Verteilungskampf sind bisher die großen Versicherungen als Punktsieger hervorgegangen. Allerdings erwarten viele nach der Bundestagswahl eine weitere Lockerung des starren Regelwerks, was nicht nur die Akzeptanz steigern, sondern auch dem Riestergeschäft von unabhängigen Finanzdienstleistern, Banken und Asset Managern einen Schub geben könnte.

Optimistische Studien gehen davon aus, dass sich das angesparte Volumen der privaten und betrieblichen Vorsorge ausgehend von etwas über einer Billion Euro im Jahr 2000 auf 3,8 Billionen Euro bis 2020 fast vervierfacht. Von diesem Megatrend werden letztlich alle Anbieter solcher Produkte - seien es Banken, Versicherungen, Kapitalanlagegesellschaften (KAG) und in besonderem Maße unabhängige Finanzdienstleister - profitieren. "Dennoch ist das Riestergeschäft für viele Anbieter eine zweischneidige Angelegenheit", urteilt Ferdinand Metternich, Partner und Versicherungsexperte bei der Unternehmensberatung Mercer Management.

Letztlich verfolgen alle Anbieter die gleiche Strategie

"Das verfügbare Geldvermögen der rund 30 Millionen Riesterfähigen ist überschaubar und endlich", so Metternich. Seiner Ansicht nach werden bis zu drei Viertel der gesparten Gelder per Gehaltsumwandlung in die staatlich geförderte betriebliche Altersvorsorge (bAV) fließen. Dieses Geschäft wird in den kommenden Jahren aber nur wenige Gewinner zulassen. Die Vielzahl und die Komplexität der Vorsorgemöglichkeiten erfordert hohe Investitionen in die Wertschöpfungskette, unter anderem in die Administration.

"Um die Gewinnschwelle bei der Verwaltung der Verträge zu erreichen, braucht ein Anbieter, der das Geschäft neu aufbauen muss, mindestens eine Million Kunden", so Jörn Grimmer von der Unternehmensberatung Capco. Eindeutige Startvorteile haben deshalb Versicherer, die bereits in den Konsortien der großen Branchen-Versorgungswerke vertreten sind: So hat die Allianz über das Versorgungswerk Metallrente (mit Ergo-Tochter Victoria und BHW) sowie in der Pensionskasse der Münchner Siemens AG (ebenfalls mit Victoria) Zugriff auf Millionen von Arbeitnehmer.

Einige gute Stücke vom Kuchen sind schon verteilt

Gut im Rennen liegt ebenso die Hypo-Vereinsbank AG, München, die sich als einzige der großen Geschäftsbanken mit dem kopfstarken Chemie-Pensionsfonds im bAV-Markt nennenswert positionierte. Auch der unabhängige Finanzdienstleister AWD Holding, Hannover, hat sich durch die Kooperation mit Gothaer Versicherung, DBV Winterthur, Volksfürsorge und R+V Versicherungen sowie dem Personaldienstleister ADP, der über eine Million betreuter Arbeitnehmer verfügt, bereits ein attraktives Stück vom Kuchen geschnappt.

Letztlich verfolgen alle Anbieter die gleiche Strategie: Durch die Beratung der Arbeitnehmer hoffen sie, über die bAV hinaus einen Riestervertrag und dazu noch weitere Policen jeglicher Art loszuschlagen. "Weil die Profitabilität der Riester-Policen im Durchschnitt nicht einmal halb so hoch ist wie bei der klassischen Kapitallebensversicherung, lohnt es sich oft nur, wenn zusätzlich höhermargige Vorsorgeprodukte verkauft werden", sagt Versicherungsanalyst Werner Schirmer von der Landesbank Baden-Württemberg.

Der Vorstand der Allianz Leben, Gerhard Rupprecht, zeigte sich kürzlich zufrieden über das Cross-Selling etwa bei Berufsunfähigkeitsversicherungen und der Hinterbliebenenvorsorge. Dass zumindest ein Teil der Riesterverträge auf Kosten der klassischen Leben- oder Rentenversicherungen abgeschlossen werden, verneinte er kategorisch. Dagegen rechnen viele Experten mit erheblichen Substitutierungseffekten. "Unter dem Strich wird rund die Hälfte der durch die Rentenreform induzierten Mittelzuflüsse der Versicherer zu Lasten herkömmlicher Produkte geht", lautet dagegen Schirmers Schätzung.

Zu den Verlierern dürften Versicherer gehören, die bei klassischen Vorsorgeprodukten stark sind

Nicht zuletzt hänge das mit der großen Ähnlichkeit von Riester-Renten und der herkömmlichen Rentenversicherung zusammen. Zu den Verlierern dürften deshalb Versicherer gehören, die bei klassischen Vorsorgeprodukten stark sind, bei der bAV aber wahrscheinlich nicht entscheidend Geschäft generieren können, etwa die Hamburg-Mannheimer und die Volksfürsorge.

Die starke Anlehnung der Riesterprodukte an klassische Lebens- und Rentenversicherungen hat den etablierten Versicherungen - neben den oben erwähnten gehören dazu auch Axa und AMB Generali - bisher eindeutig Startvorteile verschafft. Dies könnte sich nach der Bundestagswahl ändern. Viele Branchenkenner rechnen fest damit, dass, welcher Bundeskanzler auch immer regieren mag, die Riestergesetze nochmal überarbeitet werden.

Die Aktienmärkte müssen endlich aus ihrer Baisse kommen

"Neben der Beseitigung des hohen bürokratischen Aufwands ist es für die Akzeptanz in der breiten Bevölkerung wichtig, dass mehr Flexibiliät in der Auszahlungsphase und der Anlageform geschaffen wird", sagt Andreas Fink, Pressesprecher vom Bundesverband Deutscher Investment- und Vermögensverwaltungsgesellschaften (BVI). Der BVI fordert zum Beispiel in der bAV die parallele Zulassung eines Pensionsfonds, der nicht wie der bisherige zwar den Namen Fonds führt, eigentlich aber ein Versicherungsprodukt ist.

"Die Versicherer sind rein technisch gar nicht in der Lage, Asset-Management-Produkte auf ihren herkömmlichen Plattformen zu verwalten", so die Erfahrung von Grimmer. Spätestens bei der individuellen Depotführung sei Schluss. Dagegen hätten die Banken und ihre Fondsgesellschaften in jüngster Zeit entsprechend moderne Plattformen aufgebaut, die absolut wettbewerbsfähig seien. Im Gegensatz zu dem erst langfristig rentablen Riestergeschäft der Versicherer kann dort laut Grimmer auch in der Administration schnell Geld verdient werden - allerdings nur unter einer Voraussetzung: Die Aktienmärkte müssen endlich aus ihrer Baisse kommen.

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