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Ley Seca

Ich habe jetzt schon zahlreiche Wahlen in Südamerika miterlebt, und trotzdem tappe ich immer wieder in die Falle der "ley seca" - des Alkoholverbots nämlich, das am Wahltag selbst und in manchen Ländern der Region sogar schon am Tag zuvor gilt.

Ich habe jetzt schon zahlreiche Wahlen in Südamerika miterlebt, und trotzdem tappe ich immer wieder in die Falle der "ley seca" - des Alkoholverbots nämlich, das am Wahltag selbst und in manchen Ländern der Region sogar schon am Tag zuvor gilt.
Auch diesmal wieder, bei den Kongresswahlen in Argentinien letztes Wochenende: Ich hatte ich mich dazu bereit erklärt, für den sonntäglichen Asado (Grillfest) bei Freunden Wein mitzubringen. Und fand mich am Sonntag früh in der Weinabteilung des Supermarktes streng verriegelten Regalen gegenüber. Von Mitternacht bis spät abends am Sonntag wurde weder an Kiosken, noch in sonstigen Verkaufsstätten noch in Restaurants Alkohol ausgegeben.
Diese Praxis ist in ganz Südamerika üblich und zeugt von längst vergangenen, unrühmlichen Zeiten, als sich Diktatoren mit Wagenladungen voller Schnapps die Gunst der Dörfler erkauften oder die Anhänger der verschiedenen Parteien unter Alkoholeinfluß aufeinander losgingen.
Heute ist die "ley seca" eigentlich ziemlich unsinnig, zumal in Ländern wie Argentinien, das absolut kein Alkoholproblem hat, zumindest im Vergleich etwa zu Nordeuropa. Betrunkene sieht man hier so gut wie nie auf der Straße, abgesehen vielleicht von einigen Bettlern, bei denen der Wein aus dem Tetrabrik ständiger Begleiter ist, die aber höchstwahrscheinlich sowieso nicht wählen gehen. Getrunken wird in der Regel nur zum Essen und vor allem Wein oder Bier. Die Argentinierinnen trinken oft gar nicht oder nur wenig, selbst die jungen Leute sind recht zurückhaltend in Bezug auf Alkohol. Angetrunken oder gar betrunken zu sein gilt als unfein, und das ist es ja eigentlich auch.
Ein paarmal gab es Versuche, etwa in Paraguay oder auch diesmal in Argentinien, sich gegen das Gesetz zu wehren. Vor zwei Jahren hatte eine Reihe von argentinischen Kioskbesitzern Verfassungsbeschwerde eingelegt: Das Gesetz würde ihre Freiheiten beschränken und zu finanziellen Einbußen führen. Die Klage wurde abgelehnt, keine Chance.
Aber "wo es ein Gesetz gibt, gibt es auch eine Möglichkeit es zu umgehen", so etwa lautet ein Sprichwort in diesen Breiten. In der Tat, nach langem Marsch durch mehrere kleine Supermärkte findet sich schließlich ein freundlicher Chinese, der ohne mit der Wimper zu zucken den gewünschten Wein verkauft. Diese Flexibilität ist wahrscheinlich der Grund, warum es bisher niemals größere Proteste gegen die "ley seca" gab. Denn auf den Wein beim Asado wollen die Argentinier natürlich auch am Wahlsonntag nicht verzichten und vorausschauendes Einkaufen ist hier nicht üblich.


Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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