Liberale spekulieren auf Auswärtiges Amt
FDP: Gerangel um künftige Posten im Kabinett

Die Liberalen gehen als einzige Partei ohne eine Kernmannschaft in den Wahlkampf. Parteichef Guido Westerwelle weiß, warum: bis zur Wahl darf er keinen der ehrgeizigen Aspiranten vergrätzen.

BERLIN. Der Kanzler hat ein Kabinett, der Kandidat ein Kompetenzteam und die Grünen treten unter Führung von Joschka Fischer immerhin mit einer Kernmannschaft an. Die FDP dagegen verzichtet auf ein liberales Schattenkabinett. Aus gutem Grund, wie ein langjähriges Fraktionsmitglied weiß. "Viele fühlen sich berufen, aber nur wenige werden auserwählt."

Dass die Herausstellung von Einzelpersonen gerade bei den Liberalen schnell zu Streit führt, bekam Guido Westerwelle bereits als frisch gewählter Parteichef zu spüren. Die Forderung von Jürgen Möllemann nach einem eigenen FDP-Kanzlerkandidaten konnte Westerwelle zwar mit einem rhetorischen Kraftakt auf dem letzten Parteitag in Düsseldorf gerade noch abwehren. Doch jetzt facht der smarte FDP-Chef das Feuer selbst wieder an. Er "denke ernsthaft darüber nach", ob die FDP nicht doch einen eigenen Kanzlerkandidaten brauche, ließ Westerwelle nach dem spektakulären Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt wissen. Einzig möglicher Kandidat ist diesmal natürlich - er selbst.

Möllemann sieht zu und schweigt verbittert - noch, wie manche hinter vorgehaltener Hand meinen. "Der Möllemann will sich seine Chancen auf eine Berufung ins Bundeskabinett nicht kaputt machen, indem er jetzt Zoff anfängt," lautet die Erklärung.

Fragt man Westerwelle, welchen liberalen Mitstreiter er im Fall einer FDP-Regierungsbeteiligung für ministrabel hält, hebt der sonst so wortgewandte Parteichef abwehrend und stumm die Hände. Nur niemanden verprellen, heißt die Devise, denn der Frust der Missachteten könnte im Wahlkampf schnell zum Hemmschuh werden.

Dennoch ist unverkennbar, dass sich die bekannteren FDP-Politiker bereits für künftige Ministerämter warm laufen. Fraktionschef Wolfgang Gerhardt etwa hält gern Reden zur Außenpolitik und nutzt im übrigen die wenige frei Zeit, um seine Englisch-Kenntnisse aufzufrischen.

Dass Gerhardts stiller Traum vom Chefsessel des Auswärtigen Amtes jedoch Wirklichkeit werden könnte, glauben selbst diejenigen nicht, die sich schon mit 18 Prozent in der nächsten Regierung sehen. Mit gut gespielter Fürsorglichkeit weisen Gerhardts "Parteifreunde" auf den "enormen Stress" des Amtes und die gesundheitlichen Risiken für den 59jährigen Liberalen hin.

Viele FDP-Politiker glauben, dass Westerwelle im Fall der Fälle Außenamt und Vize-Kanzlerschaft für sich beanspruchen will. Ob der selbstbewusste Parteichef jedoch dem Plan von Gerhard Schröder zustimmen würde, die Zuständigkeit für die EU vom Auswärtigen Amt abzutrennen und einem künftig im Kanzleramt angesiedelten Europaminister zu übertragen, darf stark bezweifelt werden. Einige in der FDP spekulieren dagegen, Westerwelle verspreche sich mehr davon, außerhalb der Kabinettsdisziplin die Ämter des Partei- und Fraktionschefs auf sich zu vereinen.

Auch unterhalb dieser Ebene haben die Vorgefechte um mögliche Posten begonnen. Allen voran lässt FDP-Vize Rainer Brüderle immer wieder durchblicken, dass er sich als geborenen Wirtschaftsminister sieht. Auch Günter Rexrodt hat die Hoffnung auf eine Rückkehr ins Kabinett nicht völlig aufgegeben.

Damit nicht genug - die FDP überlegt ernsthaft, die Ressorts Arbeit und Soziales mit dem an originären Zuständigkeiten mittlerweile armen Wirtschaftsressort zu einem Superministerium zusammen zu legen. Diejenigen, die es mit Rainer Brüderle nicht ganz so gut meinen, bringen für den quirligen FDP-Vize auch das Verkehrsressort ins Spiel.

Allerdings wird Westerwelle bei der Verteilung von Ministerposten am Führer des größten FDP-Landesverbandes kaum vorbei können. NRW-Chef Jürgen Möllemann gilt als "Allzweckwaffe". Neben dem Wirtschaftsressort könnte der Hobby-Fallschirmspringer auch das für die FDP so wichtige Thema Bildung und Forschung als Minister übernehmen, heißt es in Berliner Fraktionskreisen. Jedoch dürfte bei diesem Posten auch jemand die Hand heben, der bis vor kurzem noch nicht auf der liberalen Spekulationsliste stand.

FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper ziert sich nicht ohne Grund, nach dem spektakulären FDP-Erfolg in Sachsen-Anhalt auch ihre Mitarbeit im Magdeburger Landeskabinett zuzusagen. Erstens wird die einzige Ostdeutsche im FDP-Führungsteam bis zum 22. September noch als Wahlkampfmanagerin gebraucht. Zweitens hat "Conny", wie Westerwelle seine Parteimanagerin nennt, bereits Höheres im Blick - das Bildungsministerium. Als Nachfolger für den Generals-Job werden bereits der Kieler Landeschef Wolfgang Kubicki, der Berliner Martin Matz und die langjährige FDP-Bundestagsabgeordnete Birgit Homburger aus dem mitgliederstarken Landesverband Baden-Württemberg gehandelt.

Auffallend gering ist der Drang nach den klassischen FDP-Disziplinen Inneres und Justiz. Zum einen fehlt es unter den ministrablen Liberalen an Juristen. Zum anderen besteht wenig Hoffnung, dem größeren Koalitionspartner - egal ob SPD oder Union - das Innenministerium entwinden zu können. Ähnliches gilt für das Finanzministerium. Das Justizressort dagegen erscheint im Kreis der Aspiranten als wenig attraktiv. Nur ein prominenter Liberaler entzieht sich allen Spekulationen: Klaus Kinkel scheidet im Herbst aus dem Bundestag und der aktiven Politik aus.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%