Liberalisierung bei Karosserieteilen behindert
Autozulieferern winkt ertragreiches Milliardengeschäft

Nicht alles, was kein Original ist, ist eine Fälschung - zumindest nicht bei Auto-Ersatzteilen. Denn selbst dann, wenn eine Bremsscheibe von exakt der selben Maschine des Zulieferers stammte, hatte bisher nur der Automobilhersteller das Recht, dieses Teil als "Originalersatzteil" zu verkaufen.

FRANKFURT. Der eigentliche Produzent konnte es nur als "identisches Teil" mit deutlichem Preisabschlag vermarkten. Lukrativ für die Automobilhersteller wurde das Geschäft dadurch, dass sie ihre Vertragswerkstätten drängen konnten, Teile nur über sie zu beziehen. Damit ist jetzt Schluss.

Künftig, so will es die EU, darf es keine Verpflichtungen der Werkstätten mehr geben - ausgenommen sind Reparaturen auf Garantiebasis. "Das ist eine enorme Bedrohung für ein margenträchtiges Geschäft der Hersteller", sagt George Kerschbaumer von der Unternehmensberatung McKinsey. Denn es gehe keineswegs um Peanuts. Das zeigt ein einfaches Beispiel: Kostet ein No-Name-Produkt 100 Euro, konnte der Zulieferer für sein identisches Teil etwa 130 Euro verlangen, als Originalersatzteil vom Automobilhersteller kostete es 170 Euro und mehr - das garantierte satte Margen in einem Milliardenmarkt.

Besonders in der Lkw-Branche wird die Regeländerungen der EU die Hersteller vor echte Ertragsprobleme stellen. "Die Truck-Hersteller verdienen einen Großteil ihres Geldes im After-sales-Bereich. Für sie wird es besonders schwierig werden, den Ausfall auszugleichen", sagt Kerschbaumer. Sie versuchen es mit der Strategie, statt Autos Mobilität zu verkaufen: Rund-um-sorg- los-Pakete inklusive Wartung, Reparaturen und Restwertgarantie.

Doch nicht nur bei den Lkw-Anbietern, auch bei den Pkw-Produzenten werden sich die Veränderungen in den Bilanzen niederschlagen. Je nach Hersteller stammt ein deutlich zweistelliger Prozentsatz des Ertrags aus dem Ersatzteilgeschäft - bei Massenherstellern wie Opel oder Peugeot ist es mehr als bei Premiumanbietern, deren Marge im Neuwagengeschäft höher ist. Die Bedrohung ist real: Nach McKinsey-Schätzungen werden innerhalb der EU von autorisierten Händlern zu 70 bis 80 % Originalteile eingebaut, in deregulierten Märkten außerhalb der EU liegt die Quote bei nur 30 %.

Bis sich die neuen Regelungen in den Geldbörsen der Verbraucher bemerkbar machen werden, wird aber noch Zeit vergehen. Die größte Hürde dabei stellt die Logistik dar. "Heute wird das Logistiknetz der Vertragswerkstätten von den Autoherstellern kontrolliert" sagt Axel Schnabel von der Beratungsgesellschaft Urban Science. "An der Logistikfrage wird sich der Erfolg entscheiden", glaubt er.

Im Stillen arbeiten Zulieferer längst an Lieferkonzepten. Offiziell bestätigen will das kein Unternehmen. Doch laut Branchenkennern sollen Bosch, Delphi und Visteon unabhängig voneinander versuchen, kleinere Zulieferfirmen hinter sich zu scharen, um das Logistikproblem zu lösen. Dass sich das Ganze im Stillen abspielt, liegt an dem sensiblen Verhältnis zwischen Autoherstellern und den Zulieferern, die auf Erstausrüstungsaufträge angewiesen sind: "Eigentlich müssten die Preise für Ersatzteile flächendeckend fallen, doch das enge Beziehungsgeflecht zwischen Autokonzernen und Zulieferern wird das in manchen Fällen verhindern", glaubt auch der Auto-Experte von CSC Ploenzke, Frank Mintenig.

"Die Zulieferer werden sich das Potenzial aber nicht entgehen lassen", sagt Michael Jedlicka, der Automobilexperte bei IBM: "Die massive Belieferung der Werkstätten an den Autoherstellern vorbei wird in fünf Jahren Realität sein." Strategien der Hersteller, sich das Geschäft weiter zu sichern, setzen zum Teil bei der Logistik an. So bieten einige Autofirmen ihren Werkstätten bereits an, für sie die Lagerhaltung und Teilesteuerung zu übernehmen. Für schwach kapitalisierte Vertragspartner ist das erst einmal eine Verlockung. Kostspieliger könnten Pläne werden, Garantiezeiten auszudehnen, um Werkstätten zum Einbau der Teile mit dem Logo der Automarke zu binden.

Bei Karosserieteilen behalten die Hersteller vorerst sowieso das Sagen - zumindest hier zu Lande, wo diese dem Geschmacksmusterrecht unterliegen. Zum Unwillen des Verbandes der Autoteile-Händler: Was die EU an Liberalisierung ermögliche, "nimmt die deutsche Gesetzgebung wieder weg", kritisieren Händler.

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