Licht ins Wirrwarr von Aktienbewertungen
Analystentipps richtig nutzen

Warum gehen Empfehlungen zu einer Aktie oft weit auseinander? Nur wer die Bewertungsmaßstäbe der Analysten kennt, kann ihre Tipps richtig nutzen.

 

DÜSSELDORF. Die Zahlen sind eindeutig: Gewinneinbruch bei Bayer im Geschäftsjahr 2001 um 47 Prozent, vor allem verursacht durch den Verkaufsstopp des Cholesterinsenkers Lipobay. Für 2002 erwartet der Chef des Chemie- und Pharmakonzerns, Manfred Schneider, aber eine "deutliche Verbesserung des Konzerngewinns". All dies wird verkündet auf der Bilanzpressekonferenz Mitte März. Umso überraschender klingen für viele Anleger die anschließenden Urteile der Analysten: Vom Bankhaus Metzler heißt es "Sell" mit einem Kursziel von 34 Euro. Das Votum von Helaba Trust lautet "Neutral". Lehman Brothers erhöht das Kursziel auf 42 Euro, Urteil: "Market Perform". Und Salomon Smith Barney stellt die Bayer-Aktie auf "Buy" mit einem Kursziel von 50 Euro.

Wie kann das angehen, wo doch alle Analysten von der gleichen Datenbasis ausgehen, nämlich den gerade bekannt gegebenen Zahlen? Das Geheimnis liegt in den Bewertungsverfahren, mit denen die Bankexperten rechnen. "Die allen bekannten Unternehmenszahlen beziehen sich auf die Vergangenheit", sagt Helmut Henschel, Leiter der WestLB Research und Präsident des Analystenverbands GAIP. "Darauf aufbauend errechnet jeder Analyst für die Bewertungsmodelle seine eigenen Erwartungen über die Zukunft des Unternehmens. Diese sind entscheidend für die Bewertung."




Wie die gebräuchlichsten Bewertungsverfahren von KBV, KGV und KCV bis DCF und Eva funktionieren und wie die Ergebnisse von Analysten manipuliert werden können, lesen Sie in der aktuellen Wirtschaftswoche. Kennen Sie schon das Mini-Abo?



Hinzu kommt: "Analysten arbeiten nicht nur mit verschiedenen Annahmen für die Zukunft. Sie haben auch unterschiedliche Schwerpunkte bei den Bewertungsmodellen", sagt Marc Osigus, Analyst der Hamburger Berenberg Bank. Osigus und seine Kollegen haben für die WirtschaftsWoche Kursziele für alle 30 Dax-Aktien nach den gängigsten Bewertungsverfahren errechnet. Die Tabelle im aktuellen Heft auf Seite 138 zeigt im Überblick die riesige Bandbreite der Bewertungen. So reichen die Kursziele bei Siemens je nach gewähltem Modell von 72 bis 160 Euro, bei der Telekom von 19 bis 30 Euro, bei der Lufthansa von 13 bis 44 Euro.

Doch das Wirrwarr der Einschätzungen und Prognosen lässt sich lichten. Ein wichtiger Ansatz: Nicht jedes Bewertungsverfahren ist für jede Aktie geeignet. Daher lohnt sich für Aktienkäufer der Blick ins Detail - auch wenn das klein Gedruckte in Studien zunächst abschreckend wirkt. "Jeder Anleger sollte sich nicht nur das Ergebnis einer Studie anschauen, sondern auch das verwendete Modell und die Annahmen", rät Iris Uhlmann, Analystin bei der zur LGT-Gruppe in Liechtenstein gehörenden Vermögensberatung LGT Financial Consulting.

Um das zu beurteilen, müssen Anleger zunächst wissen, wie die wichtigsten Bewertungsverfahren für Aktien funktionieren und welches Modell für welche Branchen geeignet ist. Es führt kein Weg daran vorbei: Wer sich mit Aktien beschäftigt, sollte auch die Grundbegriffe aus Bilanzierung und Finanzmathematik kennen. Das ist ein bisschen mühsam - hilft aber, Fehler zu vermeiden.

Von Stephanie Heise, WirtschaftsWoche

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