Lichtblicke nur beim westdeutschen Wohnungsbau: Schlechte Baukonjunktur kostet Wachstum

Lichtblicke nur beim westdeutschen Wohnungsbau
Schlechte Baukonjunktur kostet Wachstum

Die deutschen Bauinvestitionen sind 2001 deutlich geschrumpft. Hätte die Bauwirtschaft stagniert, wäre das Bruttoinlandsprodukt um 0,7 Prozentpunkte höher ausgefallen. Ursache für die Misere: Nach dem staatlich subventionierten Wiedervereinigungsboom kehrt die Bauwirtschaft auf Normalniveau zurück.

DÜSSELDORF. Es war ein Auftritt ganz nach Gerhard Schröders Geschmack: In tiefer Nacht verkündete der Bundeskanzler am 24. November 1999 auf dem Balkon der Frankfurter Holzmann-Zentrale die Rettung des angeschlagenen Baukonzerns - und die Holzmann-Belegschaft feierte ihn mit "Gerhard, Gerhard"-Rufen.

Die Krise der deutschen Bauwirtschaft allerdings konnte Feuerwehrmann Schröder damit nicht abwenden, im Gegenteil: Die Rettungsaktion habe den notwendigen Abbau der Überkapazitäten in der Branche nur verzögert, meinen Ökonomen. 2001 erlebte der Sektor einen "sagenhaften Abschwung", sagt Tobias Just, Analyst bei Deutsche Bank Research.

Der Bau hat sich zu einem der härtesten Bremsklötze für das deutsche Wirtschaftswachstum entwickelt. Die schlechte Baukonjunktur habe 2001 ganze 0,7 Prozentpunkte Wachstum gekostet, sagt Udo Ludwig, Leiter der Konjunkturabteilung beim Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Hätte die Bauwirtschaft auf dem Niveau von 2000 stagniert, wäre die deutsche Wirtschaftsleistung um 1,3 % statt nur um 0,6 % gewachsen. Zieht man als Vergleichsgröße nicht Stagnation, sondern die Entwicklung in Europa heran, schätzt DB-Research-Mann Just die Wachstumseinbuße auf 0,5 bis 0,8 Prozentpunkte.

Doch im vergangenen Jahr sind die Bauinvestitionen in Deutschland weiter gesunken - mit einem Minus von 5,7 % gegenüber 2000 sogar noch stärker als im Vorjahr. Im Jahresverlauf hat sich der Einbruch zumindest bei den Aufträgen abgeschwächt: Im November 2001 stieg die Baunachfrage saisonbereinigt um 3,6 % gegenüber Oktober. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sind die Aufträge im November aber immer noch um 2,4 % gesunken. Laut Ifo-Institut waren die Kapazitäten im Bauhauptgewerbe in Gesamtdeutschland im Durchschnitt der ersten drei Quartale 2001 gerade einmal zu rund 61 % ausgelastet.

Die Krise spiegelt sich auch in den Beschäftigtenzahlen wider: Ende 2001 waren im Baugewerbe 2,5 Mill. Menschen beschäftigt - mehr als eine halbe Million weniger als 1995, heißt es im gestern veröffentlichen Januarbericht der Deutschen Bundesbank. Der Gesamtumsatz lag mit 83,6 Mrd. Euro in den ersten elf Monaten 2001 um 7,4 % unter dem Niveau des Vorjahreszeitraumes, so das Statistische Bundesamt. Und Besserung scheint nicht in Sicht: Für 2002 rechnet das Ifo-Institut mit einem erneuten Rückgang der Bauinvestitionen um rund 3,9 %.

Die Misere setzt vor allem den neuen Länder stark zu. In Ostdeutschland machten Bauinvestitionen noch vor wenigen Jahren rund ein Viertel des dortigen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, in Gesamtdeutschland liegt der Anteil jetzt bei 11,6 % und im europäischen Mittel bei rund 10 %.

Volkswirte sehen die derzeitige Situation in erster Linie als normale Reaktion auf den Bauboom nach der deutschen Wiedervereinigung. Hauptgrund für diesen seien nicht zuletzt staatliche Investitionsförderungen gewesen. Ifo-Experte Rußig: "Die heutigen hohen Überkapazitäten hat die Politik durch staatliche Subventionen künstlich aufgebaut" - vor allem durch die Sonderabschreibungen für Bau-Investitionen in den neuen Bundesländern und den Ausbau des sozialen Wohnungsbaus. "Die Bauschwäche ist insbesondere in Ostdeutschland stark ausgeprägt", stellt deswegen auch Elke Schäfer-Jäckel, Leiterin der Forschungsgruppe Konjunktur am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), fest.

Illustriert wird die Lage auch durch hohe Leerstände, vor allem in den neuen Ländern: Derzeit stehen in Ostdeutschland rund eine Millionen Wohnungen leer, bei gewerblichen Immobilien sei die Situation noch schlimmer, sagt Ludwig. In Leipzig standen Ende vergangenen Jahres 23,5 % der Bürogebäude leer - im Westen seien Leerstände von bis zu 5 % normal. Deutsche-Bank-Analyst Just: "Damit entstehe in Ostdeutschland nur Druck auf die Mieten - aber kein Anreiz zu investieren." Grund für den Leerstand sei vor allem die Abwanderung nach Westdeutschland, sagt Schäfer-Jäckel.

Zumindest für den Wohnungsbau in Westdeutschland rechnet Ludwig vom IWH noch in diesem Jahr mit einem leichtem Aufschwung. Aus Sicht der Bundesbank dürfte der Wohnungsbau die wichtigste Sparte der Bauwirtschaft bleiben - er allein hatte in den Boomzeiten zu Beginn der 90er-Jahre fast einen halben Prozentpunkt jährlich zum BIP-Wachstum beigetragen, heißt es im aktuellen Monatsbericht der Notenbank. In der zweiten Hälfte der 90er habe der Wohnungsbau das BIP dagegen um etwa ein Viertel Prozentpunkt belastet. "Wenn sich die Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte erholt, dürften auch die Einkommen steigen und damit die Nachfrage nach Wohnungen anziehen", sagt Ludwig.

In Ostdeutschland werde sich die Lage aber voraussichtlich bis 2003 nicht ändern. Daran sei nicht zuletzt der Bund schuld, schließlich fehle den Gemeinden in Ost wie West Geld für Infrastrukturausgaben. Der Bund müsse den Gemeinden finanziell unter die Arme greifen, fordert der Ökonom.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%