Liebelei kann Karriere kosten
Küsse unter Kollegen

Dass sich aus einer Arbeitsbeziehung eine Liebesgeschichte entwickelt, ist keine Seltenheit. Laut einer Umfrage des Emnid-Instituts steht der Arbeitsplatz neben der Disko ganz oben auf der Hitliste der Kontaktmöglichkeiten. Doch wer sich auf eine Beziehung oder eine Affaire am Arbeitsplatz einlässt, sollte sich der möglichen unangenehmen Folgen bewusst sein.

HB DÜSSELDORF. Es soll bei einer Weihnachtsfeier passiert sein: Franz Beckenbauer, Präsident des FC Bayern München, und die Chefsekretärin des Fanclubs der Kicker, Heidrun Burmester, kamen sich näher. Sehr nahe sogar: Im August vor zwei Jahren brachte sie einen kleinen Kaiser namens Joel Maximilian zur Welt.

Doch auch der Medienrummel um den Nachwuchs und kürzlich die Trennung von Ehefrau Sibylle: Der Sockel des Beckenbauer-Denkmals hat mal kurz gewackelt, geschadet hat ihm das Liebes-Getümmel aber nicht. Und eine angebliche zweite Schwangerschaft Burmesters? "Eine Privatgeschichte von genau zwei Menschen" wiegelt der FC Bayern Anfragen zu den neuesten Gerüchten ab.

Dass sich aus einer Arbeitsbeziehung eine Liebesgeschichte entwickelt, ist keine Seltenheit. Laut einer Umfrage des Emnid-Instituts steht der Arbeitsplatz neben der Disko ganz oben auf der Hitliste der Kontaktmöglichkeiten. Das Männer-Magazin "Playboy" behauptet sogar, 90 % aller Flirts begännen zwischen Kopierer und Kantine.

Doch so problemlos das bei Sport- oder Wirtschaftsgrößen über die Bühne geht - für die meisten Arbeitnehmern gestaltet sich eine Bürobeziehung komplizierter als im Hause Beckenbauer. Wer sich auf eine Beziehung oder eine Affaire am Arbeitsplatz einlässt, sollte sich der möglichen unangenehmen Folgen bewusst sein.

Die bekam Ines* deutlich zu spüren. Vor einem Jahr funkte es zwischen ihr und Thorsten bei einem Bauprojekt in Leipzig. Die beiden Ingenieure mauserten sich zum Traumpaar des Büros und tauchten auf jeder Feier gemeinsam auf. Dann machte Ines Schluss - und das Arbeitsleben wurde zum Fiasko: "Er rief mich permanent an, machte mir Szenen im Büro und hetzte die Kollegen gegen mich auf." Nach wenigen Monaten gab sie entnervt auf und suchte sich einen neuen Job.

"Tschüss, bis morgen bei der Arbeit!"


Anders als bei privaten Bekanntschaften, die man sang und klanglos beenden kann, können Kollegen ihre Liaison realistisch betrachtet nur mit einem "Tschüss, bis morgen bei der Arbeit!" beenden. Die täglichen Hochgefühle, den Liebsten im Büro mit verschmitzter Miene zu begrüßen, können schnell zum Gefühls-Gau werden, wenn sich die Ex-Partner jeden Morgen am Kaffeeautomaten begegnen.

Sonja Breuer etwa führte monatelang eine heimliche Beziehung mit ihrem Abteilungsleiter in einem Architekturbüro. Nach dem Ende der Affäre fühlte sie sich mehr und mehr von dem Ex gemobbt: In Besprechungen beleidigte er sie vor den Kollegen mit zweideutigen Sprüchen. Breuer ließ sich schließlich in eine andere Abteilung versetzen: "Ich fand es unheimlich peinlich, meinem Chef davon erzählen zu müssen. Durch die Versetzung haben dann im Nachhinein alle von unserer Beziehung gewusst."

Die persönlichen Verwirrungen sind besonders pikant, wenn sie dem Unternehmen schaden. "Als meine Chefin von einem Abteilungsleiter der Firma sitzen gelassen wurde, lief in unserem Team für einige Wochen gar nichts mehr", erzählt Marianne Brücher, die in einer Medienagentur arbeitet. "Für das Tagesgeschäft hatte sie keinen freien Kopf mehr."

Schlechter Einfluss auf das Arbeitsklima


Die Mehrheit der Arbeitnehmer fürchtet den schlechten Einfluss von Affären auf das Arbeitsklima. Nicht zu unrecht: "Bei jedem dritten Fall, zu dem ich in ein Unternehmen gerufen werde, beruhen die sozialen Störungen darauf, dass irgendwer mit einem Kollegen ein Verhältnis hat", sagt Günther Seib, Coach der Unternehmensberatung New Placement in Hamburg. "Das bringt das ganze System völlig durcheinander. Oft fühlen sich Kollegen zurückgesetzt und fangen an zu murren."

Das kann richtig teuer werden. In einer mittelständischen Softwarefirma etwa war das Betriebsklima in drei vernetzten Abteilungen so stark gestört, dass Arbeitsprozesse nicht mehr richtig funktionierten. Dem betroffenen Abteilungsleiter schienen sämtliche Autorität und Führungskompetenz zu schwinden. Nach kurzer Zeit fand Seib heraus, dass dieser Abteilungsleiter ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin der Kundenberatung hatte. Trotz ihrer mangelnden Leistungen versuchte er sie vor den anderen Kollegen zu schützen. "Als die Kundenberaterin das Unternehmen verließ, war sofort wieder alles in Ordnung", erzählt Seib.

Wegen des Risikos steuern manche Unternehmen bewusst gegen Liebschaften im Büro, wie zum Beispiel der US-Paketdienstleister United Parcel Service (UPS). Barbara und Jochen lernten sich vor sechs Jahren in dem Unternehmen kennen. Die Team-Sekretärin und der Controller hielten ihre Liebe lange geheim - bis Barbara schwanger wurde und beide heiraten wollten. UPS versetzte den werdenden Vater daraufhin monatelang in andere Städte, bis das Paar entnervt vor Gericht zog. Das Unternehmen trennte sich schließlich für sehr viel Geld von seinen beiden langjährigen Mitarbeitern.

UPS: Übermäßiges Fraternisieren nicht erwünscht


"Wir können es nicht befürworten, wenn Mitarbeiter aus verschiedenen Positionen liiert sind, da dies unser höchstes Unternehmensziel der Fairness und Chancengleichheit gefährden könnte", äußert sich dazu UPS-Pressechef Georg Leusch. "Übermäßiges Fraternisieren ist in unserem Hause nicht erwünscht."

Eine ähnliche Unternehmenspolitik, wenn auch etwas moderater, betreibt das Modehaus C & A. "Wir achten zum Schutze der Betroffenen darauf, dass Paare nicht in derselben Abteilung arbeiten, um Abhängigkeiten und Bevorzugungen zu verhindern", sagt Firmensprecher Thorsten Rolfes. Seine Eltern lernten sich vor 40 Jahren als Teamleiter der Herrenabteilung und Verkäuferin der Kinderabteilung bei C & A kennen.

Damit das klappt, muss ein Pärchen Berufliches und Privates strikt trennen können, sagt Karriereberaterin Meike Müller. "Dann können solche Beziehungen durchaus von Bestand sein. Schließlich hat man nirgendwo sonst die Chance, seinen Partner so intensiv kennen zu lernen, wie beim täglichen Auf und Ab des Tagesgeschäfts."

* Namen von der Red. geändert.

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